Angeln oder kaufen?

Sowas von leckerem Fisch!

Fisch gibt es nur sehr selten, wenn unsere ganze Familie zusammenkommt. Mein Vater hasst Fischgerichte, und zwei meiner Schwestern sind Vegetarier. Auf der Sommerferien-Insel Aerö aber wird eine Ausnahme gemacht. Der geräucherte Lachs aus dem kleinen Fischrestauranat im Hafen von Aerösköbing ist so umwerfend köstlich, so geschmackvoll fett, und toll gewürzt, dass wir mindestens einmal ein großes Räucherfisch-Gelage veranstalten (die Nicht-Fischesser werden dabei mit Ofengemüse abgespeist).

In der „Aerösköbing Rögeri“ gibt es sowas von köstlichem Räucherfisch

Wollte man frischen Fisch auf der Insel essen, muss man ihn sich selbst fangen – verkauft werden darf er aus lebensmittelrechtlichen Gründen nicht. Aerö ist beliebt als Angler-Insel. Überall in der „dänischen Südsee“ wimmelt es von Dorsch, Plattfischen und den großen Meeresforellen. Auf Aerö aber kann man besonders gut angeln, weil die Insel so schmal ist, nirgends mehr als sechs Kilometer breit. Will man die Angelstelle wechseln, etwa, weil es an einer Ecke zu windig wird, muss man nicht lange nach einem besseren Ort suchen.

Das ist der Blick, von wo aus wir oft Angler an die Küste kommen sehen

Die kleine Landspitze Urehoves, wo unser Haus steht, zieht Angler auch nachts ans Ufer, und wenn wir dann aus unseren Fenstern gucken, irrlichtern mit Kopf-Taschenlampen ausgestattete Gestalten an der Küste entlang. Einmal begegnete ich zwei Dänen, an deren Anglerplatz eine Drohne still in der Luft stand, bis einer der Angeler einen langen Blinker samt Angelschnur an ihr befestigte. Die Drohne wurde weit aufs Meer hinausgeschickt und klinkte schließlich in 150 Metern Entfernung den Blinker aus. Einserseits praktisch. Andererseits dauert es natürlich, bis man die Angelschnur wieder eingeholt hat.

 

Manchmal trifft man beim Strandspaziergang auf Fischjäger, die in Ufernähe tauchen, mit einer Harpune in den Händen, gekleidet in schwarze Neoprenanzüge. Sie bewegen sich so geräuschlos, dass sie selbst wie Raubfische wirken.

Von allen Fischen, die die Angler hier erwischen können, ist die Meeresforelle wohl der beliebteste. Sie gehört zu den Lachsfischen und ist immer da, auch weil man jährlich neue Jungfische aussetzt. Man bereitet sie, gern mit viel Knoblauch gewürzt, im Ofen, in der Pfanne oder auf dem Grill zu. In einem Angler-Forum fand ich den Tipp, sie direkt am Strand auf einem Bett aus Blasentang zu grillen. Hier der Link zur Seite – es sieht wirklich verführerisch aus. https://www.doctor-catch.com/de/fisch-zubereiten/forelle-grillen-rezept

Speisekonkurrenz auf Aerö

Das Hot-Dog-Wettessen bei den „Aerö-Dog-Days“

Verdammt lang erscheinen diese original Langeländer Würstchen, jedenfalls dann, wenn man in kurzer Zeit möglichst viele davon verschlingen will. Dreizehn Stück in drei Minuten aufessen – das ist der unglaubliche Rekord beim diesjährigen Hot-Dog-Wettessen auf der dänischen Insel Aerö, in Aerösköbing. Der Künstler Jacob, mit dem schönen Nachnamen „Fuglsand“, hat diese „Speisekonkurrenz“ organisiert, im Rahmen der von ihm erfundenen „Hundstage“, der „Aerö Dog Days“.

Puh, ganz schön große Würstchen für Aerö-Kinder

„Hot-Dog-Essen das muss bei uns natürlich dazu gehören“, sagt Jacob Fuglsang. Außerdem Musik, Hundeausstellung und allerlei Kunstaktionen. Namensgeber des Festes sind nicht die Würstchen, sondern die traditionellen Hundepaare aus Porzellan, wie sie in so vielen Hausfenstern der früher für ihre Seefahrt berühmten Insel zu sehen sind. Die nicht ganz unkitschigen Hunde – fast immer Pudel – wurden im britischen Staffordshire hergestellt und gern von den Seeleuten mitgebracht.

Zwei hot Dogs

Allerlei Geschichten ranken sich um die Keramik-Hunde. Angeblich musste man sie den Prostituierten nach einem Besuch bei ihnen abkaufen, weil die Frauen für ihre eigentliche Dienstleistung kein Geld annehmen durften und auf diese Weise doch zu ihrem Recht kamen. Jacob erzählt außerdem, dass die beiden Pudel nur dann aus den Fenstern der seemanswohnungen schauten, wenn der seefahrende Ehemann in der weiten Welt unterwegs war. Kam er zurück nach Hause, wurden die Hunde umgedreht und blickten nun in die Wohnung. „Man sagt, dass die Liebhaber der Seemannsfrauen diese Botschaft sehr wohl verstanden“, meint er. Ob das beides so stimmt, ist ungewiss, aber Jacob jedenfalls sorgt bei den „Dog Days“ dafür, dass diese Legenden nicht vergessen werden.

Die dicken Dexter-Hot-Dogs verschlingen

Im letzten Jahr übrigens nahmen Flüchtlinge an dem Hot-Dog-Wettessen teil, Muslime, die vorrübergehend auf Aerö untergebracht waren. Damit sie unkompliziert mitmachen könnten, gab es nicht die Langeländer Schweinefleischwürstchen, sondern Würste aus dem Fleisch der Dexter-Rinder, die auf der Insel gezüchtet werden und als besonders wohlschmeckend gelten. Jakobs Vater hatte diese Idee aufgebracht. Er meint, dass man durch die Einladung zu einem gutem Essen Liebe ausdrückt. Und das sei gerade geflüchteten Menschen gegenüber sehr wichtig. Auf den Fotos sieht man, dass die Dexter-Rind-Würste sehr gut ankommen. Hier der Gewinner:

Der coole Gewinner

Zugreifen! Einkaufen am Straßenrand auf Aerö

Klar kaufen die meisten Leute auf der Ostsee-Insel Aerö im Supermarkt ein, bei „Netto“ oder in den beiden Filialen der Supermarktkette „Brugsen“ (die Insel hat drei Städtchen). Daneben aber gibt es in den vielen Dörfern und überhaupt an den Sträßchen unzählige Straßenstände, an denen die Hobbygärtner und Landwirte Gemüse, Kartoffeln und Eier verkaufen, tagesfrisch geerntet.

Kartoffeln, hier gibt es Aerö-Kartoffeln!

Man weiß nie genau, was einen an den zusammengezimmerten Ständen erwartet. Manchmal ist duftender Porree dabei, dann wieder eine ganze Ladung winziger Tomaten; es gibt die dicken weißen Zwiebeln, Zuccini, kleine, dünne Gurken, Kräuter – und manchmal nicht mehr als ein Pfund Kartoffeln, oder ein paar Gläser Marmelade oder Likörfläschchen, weil alles andere Sachen weggekauft wurden.

Hier wurde schon zugeschlagen

Faszinierend: die Kasse, in die man das entsprechende Geld legt, ist niemals abgeschlossen. Alle Verkäufer gehen selbstverständlich davon aus, dass man bezahlt, was zu bezahlen ist, und auf keinen Fall etwas aus der Kasse raubt. Dieses Vorschuss-Vertrauen bewirkt bei mir, dass ich, wenn das Wechselgeld nicht passt, eher zehn Kronen zu viel bezahle, als auch nur eine Krone zu wenig.

Frische Tomaten inmitten von Loppemarked-, also Flohmarkt-Artikeln

Es wird wohl auch wirklich kaum betrogen. Manchmal, so hört man, verschwindet zwar Ware ohne Bezahlung; doch dann, da sind sich die Inselbewohner sicher, waren es Segler-Touristen, die das Vertrauensspiel nicht mitspielen – und wenn sowas wirklich mal passiert, wird noch wochenlang darüber geredet, wie über ein großes Unwetter oder eine tragische Liebesgeschichte.

Als nächstens gibt es den Bericht über ein dänisches Hot-Dog-Wettessen – ich bin sehr gespannt 🙂

Die ganze Welt besteht aus Ymer

Ymir, das ist der Name eines Ur-Riesen aus der nordischen Mythologie. Er war das erste Lebewesen überhaupt und aus seinem Körper besteht die ganze Welt: Als die ersten Götter ihn töteten, schufen sie aus seinem Fleisch die Erde, aus seinem Blut das Meer, aus seinen Knochen die Gebirge, und Ymirs Schädel wurde zum Himmel. Nach diesem ungeheuerlichen Wesen benannten die Dänen eines ihrer Lieblings-Milchprodukte, den Ymer. Das ist eine Art Jogurt, ziemlich dünnflüssig, den sie für so universell verwendbar halten, dass sie dafür ohne Bedauern zum Beispiel auf den deutschen „Quark“ verzichten.

Ymer und Ymerdrys

Fragt man in den Supermärkten auf der Insel Aerö nach Quark, wird einem meisten der Ymer empfohlen. Es gibt dort zwar auch ein Produkt, dass „Kvark“ genannt wird, aber Quark mit nur einem Prozent Fettgehalt? Unbrauchbar für Quarkkuchen oder Kartoffeln mit Quark (es sei denn, man will Karoffeln mit weißer Soße oder so essen). Zu den Dingen, die unsere Familie immer mit im Dänemark-Gepäck hat, gehören also unbedingt Quark-Vorräte. Ymer haben wir erst ein einziges Mal eingekauft und als viel zu flüssig und vor allem viel zu säuerlich empfunden.

Die Dänen aber lieben Ymer und richten ihn als Frühstücks- oder Zwischendurchmahlzeit mit Früchten, und noch viel lieber mit sogenannten „Ymerdrys“ an, gesüßten Roggenbrotkrümeln, die in Kilo-Packungen angeboten werden, weil man besonders viel davon braucht, um die Säure des Ymers wenigstens ein bisschen zu mildern.

Eine Minportion Ymer mit Ymerdrys zum vorsichtigen Probieren

„Halt stop!“, sagt meine Mutter. „Ich mag doch den Ymer sehr, weißt du das denn nicht?“ Sie findet, dass er sich ganz hervorragend für besonders frisch schmeckende Müsli eignet, und dass man beim Essen immer spürt: Ymer ist ein echtes Qualitätsprodukt! Er enthält mehr Proteine als andere Sauermilch-Dinge, und wird, nachdem man ihm die Molke entzog, unter mächtigen Zylindern so gemahlen, dass er eine besonders feine, cremige Struktur enthält.

Dass man ihn in unserem Ferienhaus-Kühlschrank trotzdem nie findet, liegt auch daran, dass er nur in Liter-Packungen angeboten wird. Die Dänen gehen ja davon aus, dass sich gleich die ganze familie drüber hermacht. Meine bescheidene Mutter aber kann ja nicht ganz allein literweise Ymer verzehren. Wenn ich es allerdings recht bedenke, werde ich ihr heute doch einen Ymer aus dem Supermarkt mitbringen. Sie kocht so viel für uns alle und hat die kleine Extrawurst wirklich verdient.

Ach, wie süß! Der „Brunsviger“.

Roswitha in Finns Bäckerei

Rosi, also Rowitha Sander, hat mir eine dänische Kuchenbrühmtheit geschenkt, ein Stück „Brunsviger“, den „Braune-Zucker-Kuchen“. Ich traf mich mit Roswitha in Finns Bäckerkei in Söby, wo sie schon seit sehr vielen Jahren arbeitet. Finn ist der einzige Bäcker auf der Insel Aerö, der rund um die Uhr in seiner Backstube steht, weil er all seine Sachen noch höchstpersönlich bäckt, ohne vorgefertigte Zutaten.

Der „Brunsviger“ kann als Paradebeispiel für die dänische Zucker-Süchtigkeit gelten. Roswitha beschreibt ihn so: „Eigentlich, aber nur ‚eigentlich’, ist es ein ganz normaler Hefe-Butterkuchen. Nur tut man Massen von braunen Zucker drauf, und Massen von Butter. Holt man ihn heiß aus dem Ofen, schwimmt alles in der Zucker-Butter-Lösung. Die stockt dann – und, na ja, wer ein Stück isst, und kein Däne, ist, der kriegt bestimmt einen Zuckerschock!“

Brunsviger Zucker-Butterkuchen

Jetzt, wo ich das schreibe, steht das „Brunsviger“-Stück immer noch unberührt herum. Ich aß erstmal Finns wunderbare Apfelschnecke. Die ist für dänische Verhältnisse erstaunlich moderat gesüßt. Und sie enthält ungefähr vier Apfelstückchen, mehr, als Obstkuchen zu Zeiten von Finns Vater je enthielten. Roswitha, die als junge Deutsche nach Aerö zog und noch Finns Vater kennenlernte, wunderte sich über diese sparsame Verwendung von Obst im Obstkuchen, und hörte daraufhin vom alten Bäcker: „Obst gehört an den Baum, nicht an den Kuchen.“

Zucker aber muss rein in den Kuchen, viel Zucker. „Ehrlich gesagt, ich kratze von den meisten Kuchenstücken erst die dicke Zucker- oder Zuckergusschicht ab, bevor ich sie esse“ sagt sie. „Und die Brunsviger sind einfach nur – dänisch!“ Sie glaubt, dass die Dänen in Sachen Ernährung insgesamt sehr konservativ sind. Sie halten an dem Gefühl der Nachkriegszeit fest, wo man mit Zuckerfreigiebigkeit bewies, dass es einem wieder gut geht. „In Deutschland hat man zu viel Zuckerkonsum vor 40 Jahren in Frage gestellt. Die Dänen fangen erst jetzt langsam damit an“, sagt sie.

Ich kann nur bestätigen, das die Dänen in Bezug auf Zucker denselben Knall haben wie in Bezug auf Salz. Sie können einfach nicht genug davon kriegen. Schon nach der Hälfte des Brunsvigers muss ich, so lecker er schmeckt, aufgeben, um den besagten Zuckerschock zu vermeiden. Spaß macht es aber schon, sich in dänischen Bäckereien umzusehen und herauszufinden, was anders ist als in Deutschland. Beim „Brunsviger“ kann man klar erraten, dass er nur aus Dänemark kommen kann.

Finns Bäckerei in Söby

Einladung ins Schlaraffenland

Und Fisch

Geradezu sagenhaft sind die Erzählungen über eine dänische Art festlich zu essen, die man „Anretning“ nennt. „Anretning“ heißt eigentlich nur „Angerichtetes“, oder „Zubereitetes“. Im Wörterbuch ist auch von „kalter Platte“ die Rede. Aber was Werner und Annette uns erzählen, hat mit „kalt“ und „Platte“ nur begrenzt zu tun. Zu einem „Anretning“ eingeladen zu werden, das scheint Ähnlichkeit mit einer Einladung ins Schlaraffenland zu haben. Ich als Dänemark-Touristin werde das wohl niemals wirklich überprüfen können. Werner und Annette aber leben schon seit Ewigkeiten auf Aerö, und ab und zu wurde ihnen die Ehre eines „Anretning“ zuteil.

Und Roastbeef

Wenn ich es richtig verstanden habe, besteht ein „Anretning“ aus ungefähr zehn Gängen, die einen Querschnitt durch die üppige dänische Küche bilden, angefangen bei köstlichst eingelegtem Fisch rund um Hering, Lachs und Aal, gefolgt von Roastbeef und Sauerfleich, und wieder gefolgt von einem warmen Fischgericht, auf Aerö vorzugsweise Scholle (die gibt es hier massenweise zu fangen, so viel, dass in Werners Tiefkühltruhe rund 400 Stück lagern). Nach dem Fisch kommt eine deftige Suppe aus getrockneten Erbsen, „und dann“, sagt Werner, „spätestens dann erstmal ein Riga Balsam.“

Er glaubt, wir wüssten, was Riga Balsam ist, Irrtum. Wer käme denn auf die Idee, zwischen den Gängen eines Menüs einen 45-prozentigen Likör aus Lindenblüten und Baldrian, aus Wermut, Eichenrinde, schwarzem Pfeffer und neunzehn weiteren Zutaten runterzukippen. „Das fördert die Verdauung“, meint Annette. Ach so, na klar. Muss wohl auch sein, denn das „Anretning“ geht weiter mit Schweinebauch samt Kartoffeln, mit Leberpastete, gekochtem Speck, mit Nudelsalat, Frikadellen und Braten.

Und Kuchen

Wenn man beim Zuhören anfangs selbst Hunger bekommt, überwältigt einen schon wenig später ein Sättigungsgefühl, als hätte man persönlich an der Tafel gesessen. „Na ja“, so Werner, „man darf natürlich nicht so zufassen, als wenn es nur ein Gericht gäbe. Und wie gesagt – ohne Riga Balsam kommt man nicht weit!“ Denn das „Anretning“ ist erst dann zuende, wenn verschiedene Kuchen gereicht wurden, dazu Nachspeise wie die rote Grütze (natürlich mit Schlagsahne) und wahlweise auch noch Käse.

„Wenn es Anretning gibt, ist der ganze Abend ausgebucht“, meint Werner. Und Annette: „Die Nacht dann auch noch.“ Wegen der schweren Verdauungsarbeit einerseits, aber nicht zuletzt auch deshalb, weil literweise Kaffee getrunken wird, des Dänen Lieblingsgetränk zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Ich wäre echt gern mal bei so einem Essen dabei, trotz der Gefahren, die auf einen lauern. Werner und Annette aber behaupten, sowas müsse unbedingt privat sein, weil die meisten Restaurants heutzutage nicht mehr so richtig mithalten wollen bei einem Zehn-Gänge-Gelage. Tja, dann wird es wohl nichts. Vielleicht doch besser so?

Spunk und anderes Salz

Spunk!

Er ist sehr klein, schwarz und geformt wie eine Bohne – Spunk. Wer dieses seltsame Ding in den Mund nimmst, schmeckt zu allererst, was man fast immer schmeckt, wenn man typisch dänisches Lakritz isst: Salz. Die Spunks befinden sich in Pappschächtelchen von der Größe einer Medikamentenpackung. Für mich waren sie eine Zeitlang auch eine Art Medikament, zur Rauchentwöhnung nämlich. Ein Spunk ist hart und halten sich lange im Mund. Wenn er sich schließlich aufgelöst hat, ist der Mundraum wie betäubt und man hat höchstens noch Lust auf einen tiefen Schluck Wasser, aber nicht mehr auf Zigarettenrauch.

Ich liebe Spunks. Und auch die meisten der anderen dänischen Mini-Lakritzen, die es zuhauf gibt im Kassenbereich der Supermärkte, darunter auch die Ga-Jol mit unzähligen salzigen und noch salzigeren Varianten, die zum Teil noch mit „Menthol“ verschärft sind. Die schwedischen „Läkerol“, die hier ebenfalls ein Renner sind, warten mit Kaktus-, Salzkaramel- und Eukalyptus-Lakritz auf – verrückt.

Vor Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf übrigens gab es das Wort „Spunk“ gar nicht. Astrid Lindgren erfand es und schickte ihre Pippi dann los, einen „Spunk“ zu finden. Pippi sucht beim Bäcker und in der Eisenwarenhandlung, beim Doktor und in der Wohnung alter Damen – nichts. Schließlich entdeckt sie direkt vor der „Villa Kunterbunt“ einen schwarz schillernden Käfer. Ihre Freunde zweifeln, dass das ein Spunk sein soll. Aber Pippi ruft: „Glaubst du etwa nicht, dass ich einen Spunk erkenne, wenn ich einen vor mir hab?“ Ein bisschen erinnern auch die Lakritz-Spunks an einen schwarzen Käfer.

Auf der kleinen Aerö-Insel gibt es gleich zwei Lakritzen-Hersteller: Claus Hattesen aus Aerösköbing fertigt phantasievolle Köstlichkeiten in seiner „Konfekt-Fabrik“ an, und die Bonbon-Manufaktur „Ø-bolcher“ in Marstal hat unter ihren kunterbunten Süßigkeiten selbstverständlich auch Lakritzbonbons anzubieten.

Dicke Aerö-Pfannkuchen

Tykke Aerö-Pandekager

„Du schreibst über Essen auf Aerö? Dann musst du aufs Stadtfest gehen!“ sagt Ane, die im Touristikbüro der Insel arbeitet. „Da werden die Aerö-Pfannkuchen gebacken, eine echte Spezialität. Die sind größer und dicker als alle anderen Pfannkuchen, die es sonst in Dänemark gibt.“ Und ich sehe sie vor mir, diese Pfannkuchen, groß wie eine Pizza, dick wie ein Berliner – mir wird schon ganz komisch, hatte ich doch kurz zuvor einen übermächtigen Hot Dog in Lendas Imbiss verspeist.

Die halbe Stadt riecht nach den Aerö-Pfannkuchen, beziehungsweise nach etwas, das in heißem Schmalz gebacken wird. Auf dem Marktplatz stehen überdachte Zelte, ein Alleinunterhalter singt am Keyboard vor sich hin, es ist noch nicht viel los, außer an einem Stand, wo sich schon Leute drängen. Das ist der Pfannkuchen-Stand. Im Hintergrund sieht man eine tapfere Frau, Beth, an der Pfanne werkeln, vorne bedient Lis die Kunden, und was sie über den Tisch reicht, das müssen die berühmten Pfannkuchen sein.

Beth bringt die Aerö-Pfannkuchen an

Die Aerö-Pfannkuchen sehen lecker aus, keine Frage, goldbraun gebraten und durch langes Rühren und Kneten des Teiges fluffig aufgegangen. Allerdings – das muss ich anmerken – besonders groß kommen sie mir nicht vor, sie passen ja locker auf eine Handfläche. Lis versteht nicht, was ich zu kritisieren habe. „Das sind unsere ‚tykke Pandekage’, verstehst du?“, sagt sie. Eine Kundin übersetzt: „tykke“ heißt „dick“. Die Pfannkuchen sind eigentlich eher Blinis, nur eben doppelt so dick wie Blinis oder sonstige Eierkuchen. Wenn man hineinbeißt, stoßen die Zähne durch eine schöne Kruste – das vor allem wohl macht den Reiz der Aerö-Pfannkuchen aus. Ich kann das für heute nicht überprüfen. Zwar brät Beth ununterbrochen neue Pfannkuchen, die ununterbrochen über den Tresen gehen, je nach Wunsch mit einem Klecks Marmelade drauf. In meinem Magen aber ist aller Platz bereits von Lendas Hot Dog ausgefüllt. Macht nichts: Am Sonntag ist ja auch noch ein Stadtfest-Tag.

Das Rezept für die Pfannkuchen ist übrigens denkbar einfach für alle, die mit einem Hefeteig klarkommen, den man mit Milch und Mehl ansetzt. Auch Eier gehören dann dazu, und wer es perfekt machen will, rührt geschlagenes Eiweiß unter den Teig.

Linkshänder-Hot-Dog

Vor zwei Jahren ging folgende Meldung durch die Presse: Der dänische Hot Dog soll Weltkulturerbe der UNESCO werden! Die „Vereinigung dänischer Hot-Dog-Imbissbetreiber“ habe den Antrag gestellt und hoffe sehr auf einen Erfolg für diese typische und vielleicht beliebteste Speise Dänemarks.

Lennart Hansen von Aerö

Lennart Hansen erzählt mir davon und grinst dabei die ganze Zeit. Es gibt ja weder diese Imbissbetreiber-Vereinigung, noch hat irgendjemand jemals so einen UNESCO-Hot-Dog-Antrag gestellt. Es war der Erste April, als die Tourismusseite „Visitdenmark“ die internationale Presse reinlegte. Auch eine Reporterin vom NDR kam extra auf die Insel gereist kam, um mit Lennart, dem vorgeblichen Vorsitzenden der Imbissbetreiber-Vereinigung, zu sprechen. „Und da dachten wir, wir setzen noch einen dauf!“ sagt er. Mit dem „Linkshänder-Hot Dog“.

Linkshänder-HotDog

Linkshänder-Hot-Dog – die Werbung dafür war mir im Hafenimbiss von Aerösköbing auch schon aufgefallen. Vage hatte ich Gedanken wie: „Äh, ist es nicht vollkommen egal, wie rum man das Hot-Dog-Brötchen hält?“ Aber da man bei den Dänen nie weiß, nahm ich hin, dass sie sich hier offensichtlich um die ja immer unter Missachtung leidenden Linkshänder bemühen, schön. Lennart muss lachen: „Als wir hörten, dass die Journalistin vom NDR kommt, haben wir schnell ein Werbeplakat gemacht und im Imbiss aufgehängt. Lenda, die Inhaberin, war begeistert!“ Sie riefen sämtliche Freunde, Verwandte und Bekannte zusammen, alles angeblich Aerö-Linkshänder, die sich täglich bei Lenda ihren Spezial-Hot-Dog genehmigen. „Ja, ja, 90 Prozent aller Inselbewohner müssten demnach Linkshänder sein“, so Lennart.

Ob die Frau vom NDR die Sache geglaubt hat, verrät er nicht. Aber Lennart Hansen, der Hot-Dog-Würstchen nach Deutschland exportiert, hatte mit seinen „linken“ Hot Dogs besten Erfolg auf der letzten „Kieler Woche“. Was will er mehr?

Lendas „Griller“

Und was, wenn jemand bei der gemütlichen Lenda einen „Venstrehands-Hotdog“ bestellt? Na, dann bekommt er einen. Lenda höchstpersönlich beweist es mir. Das etwas krumme rote Würstchen – übrigens Öko – wird einfach leicht verdreht ins Brötchen gelegt, es guckt gewissermaßen zur linken Seite. Mit geübter Hand spritzt Lenda einen sehr dicken Streifen Senf darauf, dann gleich zwei Streifen Ketschup und zwei Streifen Remoulade. Mir wird ein bisschen Angst, denn klar, sie will mir den mächtigen Hot Dog schenken. Neben Röstzwiebeln kommen auch noch jede Menge roher Zwiebelstückchen drauf, und so viele Gurkenscheiben, dass mir – aber das muss wohl sowieso so sein – bei jedem Bissen etwas vom Brötchen herunterfällt. Eins ist klar: Der Linkshänder-Hot-Dog ist der kalorienreichste Hot Dog, den ich jemals gegessen habe. Und sowas von „lækker“. Danke, Lenda!

Morgen geht es um die einzigartigen „Aero-Pfannkuchen“.

Beginnen wir mit den „Hot Dogs“:

Wir hätten einen Hot Dog schon gleich hinter der dänischen Grenze kaufen können. Oder auf der Fähre, die zur Insel Aerö übersetzt. Oder direkt im Hafen des Städtchen Aerösköbing. Auch im Insel-Supermarkt nehmen Hot Dogs, also die Zutaten dafür, ganze Regalmeter Platz ein: Man braucht für die Zubereitung ja nicht nur die roten Schweinefleischwürstchen und die länglichen Brötchen, sondern auch: Remoulade (die mit den Blumenkohl-Stückchen drin), zuckersüßen Ketschup und milden Senf (die jeweilige Auswahl ist riesig); dazu Röstzwiebeln, und schließlich hauchdünn geschnittene Scheiben von eingelegten Gurken, die man nur in so großen Gläsern kaufen kann, dass man fünfzig Hot Dogs damit belegen könnte.

Alle Hot-Dog-Zutaten

Das alles habe ich bereits besorgt. Aber Hot Dogs sind daraus noch nicht entstanden. Meine Familie will nicht! Anders als in meiner Kindheit, als die Ankunft im Dänemark-Ferienland mit einem ausschweifenden Hot-Dog-Gelage gefeiert wurde, zögern jetzt alle. Die einen sind Vegetarier, die anderen glauben, dass die roten Würstchen aus zweifelhaftem Fleisch bestünden (tatsächlich kennzeichneten die Dänen in den Jahren der Wirtschaftskrise um 1930 minderwertiges Fleisch mit roter Farbe und verkauften es dann besonders günstig an arme Leute); einer meiner Neffen isst nur Bio-Fleisch, und meine Schwägerin aus der Schweiz hält Hot Dogs für eine dänische Variante des verachteten Hamburgers.

Auch meine Überredungskünste scheitern vorerst. Die Information darüber, woher der Name „Hot Dog“ eigentlich stammt, erweist sich als wenig nützlich. Hot Dog heißt ja „Heißer Hund“. Man nimmt an, erkläre ich, dass der Name entstand, weil die deutschen Schlachter, die dieses Fast Foood um 1860 in den USA verbreiteten, oft Dackel aus ihrem Heimatland mitgebracht hatten (natürlich nicht, um sie zu verwursten). Die leicht gekrümmte Wurst im länglichen Brötchen erinnert, meinen viele, in seiner Form an einen Dackel. Mein Hot-Dog-Vortrag löst eine heftige Diskussion aus: Ist der Verzehr von Hundefleisch mehr oder weniger unmoralisch als der Verzehr von Schweinefleisch? Nicht unbedingt appetitanregend.

Aber dann bin ich mit Kochen dran. (Fast) alle sind einfach nur begeistert! Es macht so viel Spaß, streifenweise erst Senf, dann Ketschup, dann Remoulade auf das erwartungsvoll im Brötchen liegende Würstchen zu platzieren. Röstzwiebeln krümeln herum, dicke Lagen der Gurkenscheiben krönen das Werk und: Reinbeißen!

Sensation

Jeder Bissen löst regelrechte Glücksgefühle aus. Wie sich Fleisch, Soßen, eingelegte Gurken und die krustigen Zwiebeln im Mund vermischen – eine echte kleine süß-sauer-Sensation. Nur meine Schwägerin schaut verwirrt. Selbst ihr Ökosohn und die Vegetarier haben alle Moral fahren lassen und grinsen sie mit verschmierten Mündern an.

Morgen kommt ein Hot-Dog-Würstchen-Importeur mit seinen Linkshänder-Hot-Dogs zu Wort.