Der Wahnsinn liegt in der Familie

Vorweg: Ich bin angekommen. Ich bin in Wien. Aber ich kann es noch gar nicht fassen, hier jetzt einen Schlusspunkt setzen zu müssen. Nachdem ich den ersten Tag in der Heimat beinahe zur Gänze im Bett verbracht habe, möchte ich jetzt aber noch einen Blick in die Vergangenheit werfen, bevor ich diesen Blog leider langsam zu einem Ende bringen muss. Wir gehen also zurück ins Jahr 1950, zu meinem Großvater Josef Sachsenhofer, der in seiner Jugend den Grundstein legte für seine radverrückten Enkel heute.

Rückkehrerfoto
Rechts mein Opa, links sein Reisegefährte Franz Berer

Ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben eines bekannten Pfarrers machte er sich mit seinem Reisegefährten Franz Berer, zwei Steyr Waffenrädern und 25 Kilo Gepäck auf die Reise von Oberösterreich über die Alpen bis nach Rom – und wieder zurück. Eine Strecke von über 2000 Kilometern und das in nur drei Wochen Ferien. Dank des Empfehlungsschreibens standen ihnen die Türen zahlreicher Klöster in Österreich und Italien offen, ohne Zelt übernachteten sie oft genug in ihren Schlafsäcken unter freiem Himmel.

Die Alpenüberquerung erleichterten sie sich, indem sie sich mit ihren Fahrrädern hinten an Lkws anhielten und sich von ihnen die steilsten Stücke mitziehen ließen – heute undenkbar, damals für zwei abenteuerlustige Jungspunde offenbar dank der niedrigeren Geschwindigkeit durchaus machbar.

Bergab ging es dann rasant, aber nicht weniger gefährlich. Ausgerechnet bei der Abfahrt vom Großglockner, des höchsten Berges Österreichs, versagten die selbstmontierten Felgenbremsen meines Großvaters. So steigerte sich die Geschwindigkeit schnell von rasant zu halsbrecherisch, und hätte er nicht einen von der Straße steil ansteigenden Feldweg gefunden, hätte die Fahrt vielleicht ein frühes Ende gehabt.

in Umbrien

 

Während ich, 65 Jahre später, über gut ausgebaute Radwege kurve, mich in Gespräche mit Mitreisenden vernüge, verbrachte sein reisegefährte aus wohl durchaus angebrachter Vorsicht zumindest eine Nacht mit gezücktem Dolch in seinem Schlafsack.

Ihre Reise führte die beiden Österreicher zunächst über die Alpen und an der Adria entlang bis Rimini/Fano, über die Via Flaminia und über den umbrischen Appennin nach Rom und heimwärts über die Via Aurelia  an der ligurischen Küste entlang über Florenz und den Cisa-Pass nach Parma und schließlich über den Brenner wieder zurück nach Österreich (mit Abstechern im italienischen Binnenland wie Venedig, Verona etc.), schildert mein Opa.

Doch meine Familie lässt auch in der Gegenwart keine Gelegenheit aus, um mir (durchaus erfolgreich) die Lächerlichkeit meiner schlappen 1000 Kilometer vor Augen zu führen. Ohne mein Wissen startete mein Cousin Michael Sachsenhofer etwa zeitgleich mit mir zu einer deutlich eindrucksvolleren Radreise.

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In nur 18 Tagen hat er satte 2583 Kilometer im hohen Norden zurückgelegt. Man vergleiche das mal mit meinen läppischen 1200 Kilometern in 23 Tagen…

Und während ich gemütlich an der Donau meine maximal 100 Kilometer am Tag mit quasi keiner Steigung zurücklegte, machte er es sich nicht so einfach. Mit Etappen von bis zu 254 Kilometern am Tag (ja, richtig gelesen…) und 1000+ zurückgelegten Höhenmetern am Tag, schaffte der Gute es nicht nur, am nächsten Tag wieder aufs Rad zu steigen, sondern auch noch freihändig zu fahren – Und dabei zu jonglieren!

Während ich schon zum jammern anfing, wenn es nachts mal unter 10 Grad hatte, war er schon froh, wenn die Temperaturen tagsüber zweistellig wurden. 1982188_10206740652772079_3272418803247744960_n

 

Und allen Widrigkeiten – und davon gab es bestimmt genug – zum Trotz, fuhr er dann spontan auch noch bis hinauf zum Nordkapp.

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Ja, was soll ich da noch sagen… Ich spiele mich hier wochenlang als der große Radreisende auf, während die wahren Abenteuer, die wahren Strecken in meiner Familie von ganz anderen Zurückgelegt werden. Nur gute PR unterscheidet mich vom Rest. Ich bin das Coca Cola der Radfahrer. Und möchte mich dafür entschuldigen.

Der Bettelmönch des Donauradwegs

Es gibt sie doch. Junge Menschen, die mit dem Rad reisen. Nachdem ich 20 Tage lang die Gesellschaft von halbnackten Sonnenanbetern, radwütigen Lehrerehepaaren und kuchenbestückten Rentnerinnen genossen habe, hat das Schicksal doch noch ein einsehen. Kurz hinter Linz traf ich gestern Max und Gabriela aus Australien, die gerade dabei sind, mit dem Rad nach Istanbul zu fahren. Ja, Istanbul. Und ich spiele mich hier groß auf wegen mickrigen 1000 Kilometern…

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Schnell wird klar, dass ich an die Richtigen geraten bin. Während wir brav in die Pedale treten, setzen wir uns wechselseitig über unsere bisherigen Reisen in Bilde, tauschen Dutzende Anekdoten aus, albern bis zum beinahe-Zusammenstoß herum, stellen fest, dass die Australische Politik keinen deut besser ist als die Österreichische ist und führen angeregte Diskussionen über chinesischen Postmodernismus. Nur um nach zwei Sätzen festzustellen, dass wir davon keinerlei Ahnung haben. Was das Thema nicht daran hinderte, die kommenden Tage immer wieder aufzutauchen.

Immerhin hupten einen in diesem Tunnel keine Autos an...
Immerhin hupten einen in diesem Tunnel keine Autos an…

Ohne, dass es ausgesprochen wird, sind wir zu Reisegefährten geworden. Für mich, neben der netten Gesellschaft, eine willkommene Möglichkeit, wieder Englisch zu sprechen. Doch unsere kleine Gemeinschaft sollte noch wachsen. Nachdem Max und Gabriela schon zu den Jüngsten Menschen zählen, die ich am Radweg kennengelernt habe, trafen wir kurz darauf auch noch Lea und Nico aus Freiburg. Sie fahren mit dem Rad Neckar und Donau entlang.

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Mittlerweile haben wir mit drei Personen die kritische Masse erreicht, so dass wir Lea und Nico regelrecht aufsaugen, mitschleifen und nicht mehr gehen lassen. Begeistert erzählen die beiden, dass ab Freitag in Wien das größte, kostenlose Musikfestival Europas über die Bühne geht. Das wunderbare Donauinselfestival. Plötzlich sind auch wir, trotz unserer müden Knochen, Feuer und Flamme, Wien noch am Freitag zu erreichen.

Während die Stimmung immer heiterer wurde, schafften wir es zwar beinahe die 100 Kilometer noch voll zu machen, wollten dann aber dem allgemeinen Plenumsbeschluss folgend, doch bald einen Zeltplatz aufsuchen. Aber nachdem sich Meile über Meile keiner Blicken lassen wollte, entschieden wir uns, am Wegesrand unsere Zelte nach Einbruch der Dunkelheit aufzuschlagen.

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Nach kurzer Erfrischung in der eiskalten Donau, kam nun der Moment meiner Schmach. Während ich zuvor misstrauisch die jeweils fünf Fahrradtaschen beäugt hatte, die Lea und Nico mit sich kutschieren, und überlegt hatte, wie viele zerstückelte Leichen, Kilo Kokain oder afrikanische Flüchtlingskinder man in ihnen wohl transportieren könnte, kam nun der Grund für die voluminöse Fracht zum Vorschein; und mir stieg die Neidesgrüne ins Gesicht (Ja, ich weiß, das ist kein Wort. Aber mir gefällt es).

Picknickdecke, Campingkocher, Geschirr, Kaffee, eine Angel, Hula-Hoop-Reifen, Bücher, Nahrungsmittel für eine ganze Kompanie, und ein Zelt, in das meines drei mal hineingepasst hätte – was die beiden alles aus den Untiefen ihrer Taschen hervorzauberten ließ mich langsam immer kleiner und kleiner werden. Auch Max und Gabriela waren im Vergleich zu meiner spartanischen Reiseausstattung geradezu königlich unterwegs. Während mein Beitrag zum gemeinsamen Mittagessen am nächsten Tag aus Zigaretten, Red Bull und Äpfeln bestand (mehr braucht der alleinreisende Mann nun einmal nicht), zauberten sich die vier über ihren Campingkochern ein opulentes Mahl. Als Bettelmönch des Donauradwegs derart gebrandmarkt, konnte ich mich zumindest auf den Gewichtsvorteil meiner Taschen berufen. Ein schmaler Trost.

Aber man sah es mir glücklicherweise nicht nach, die Stimmung am Abend war toll. Bis zu dem Zeitpunkt, als wir unsere Zelte aufgebaut und angeheitert noch einen letzten Abendspaziergang machen wollten. 300 Meter weit kamen wir, bis Enttäuschung und Lachkrämpfe uns zum Umkehren zwangen. Da war er. Der Campingplatz, auf den wir zuvor so viele Kilometer lang gewartet hatten.

 

Nur in Österreich

Ich bin noch keine zwei Tage zurück, schon bin ich wieder verliebt. Und zwar nicht nur weil ich sofort, und ohne komisch angeschaut zu werden, am Abend einen weißen Spritzer bekomme.

Um zu wissen, dass man wirklich in Österreich ist, braucht man nur in das Hinterstübchen eines Gasthauses zu sehen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass man in diesem monarchentreuen Land einen kleinen habsburgischen Schrein entdeckt. Und wenn nicht, so doch zumindest einen lebensgroßen, mit Blumen geschmückten  Pappaufsteller von Sissi. IMG_20150625_095455

 

Während andere Länder ihre Schiffe auf so uninspirierende Namen wie Queen Mary taufen mögen, pflügen nur in der Kulturnation Österreich stolze Frachter mit so klingenden Namen wie Ralf-Dieter durch das Wasser.
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Und nur in Österreich besitzen Sicherheitsunternehmen die Unverfrorenheit, mit dem Slogan „We’d kill for you“ für ihre Dienste zu werben.

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Auf Nachfrage bei dem muskelbepackten Besitzer des Trucks betonte er übrigens gereizt, ein Schädlingsvernichter zu sein. Doch wohlwissend um die streckenweise noch immer  vorhandene NS-Wortwahl in meiner Heimat bin ich mir nicht sicher, was nun gemeint war.

 

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Zum Schmerzbus fällt mir jetzt schon gar nichts mehr ein…

 

Wer klopfet an?

Nach etwa 60 Kilometern weitet sich das bis dahin enge Donautal, und ich treffe im wunderschön gelegenen Aschach ein. Ich beschließe, da Linz noch 40 Kilometer weit entfernt ist, mir eine Herberge zu suchen und den Tag gemütlich ausklingen zu lassen.

Am ersten Gasthaus des kleinen Ortes erwartet mich ein sportlich gekleideter älterer Mann mit Rennrad, Reisetaschen und Helm.  Monumentale graue Augenbrauen beherrschen sein glatt rasiertes, verzweifeltes Gesicht.

„Seit einer Stunde!“ sprüht er mir entgegen, sobald ich vom Rad steige, „seit einer Stunde suche ich und es gibt kein verdammtes Zimmer!“ Ich schiebe unauffällig mein Rad zwischen uns, um eine Barriere zwischen mein Gesicht und seine feuchte Aussprache zu bringen. „Seit ich in Österreich bin ist es nur noch scheiße.“ Jedes Wort unterstreicht er mit mächtigen Zucken seiner Brauen. Ich unterdrücke den Drang meine Heimat zu verteidigen und frage stattdessen, wo er gestartet sei. Offenbar hat er sich und seine monumentalen Brauen die letzten vier Wochen vom schwarzen Meer, die Donau entlang, bis hierher kutschiert. Er möchte noch bis nach Donaueschingen.  Ich bin beeindruckt. Und seit er vor drei Tagen nach Österreich kam, habe er nur Probleme, spricht er und lässt seine mächtigen Brauen mit hüpfenden Bewegungen die Dramatik der Situation unterstreichen. „Ständiger Gegenwind (die Brauen springen beinahe bis zum Haaransatz), unfreundliche Leute (seine Augen verschwinden unter dem drahtigen Gestrüpp) und nirgends eine leistbare Unterkunft (sie schlagen wieder aus).“ Mittlerweile in Rage gespuckt krallt er sich einen mich flehentlich anblickenden Mitarbeiter des Hotels und traktiert den Armen so lange, bis er – mit deutlich feuchterem Gesicht -verspricht, bei den anderen Hotels des Ortes anzurufen.

Während mir der Radfahrer weiter sein Leid klagt, erwarte ich jeden Moment einen nistenden Spatz aus seinem Urwald fliegen zu sehen. Ich rate ihm, die Donau weiter bis Passau zu fahren, wenn er hier gar nichts finde, im dortigen Rotel Inn bekomme er garantiert noch ein Zimmer. Es beschwichtigt den Mann, in dessen Stammbaum sich irgendwo ein Lama befinden muss, nur wenig. Als der arme Hotelmitarbeiter mit schlechter Nachricht zurückkehrt, darf er die Sache ausbaden (und zwar im Wortsinne). Nur ein Doppelzimmer gebe es noch, aber das wolle die Wirtin nicht an eine Einzelperson vermieten. Wir könnten es uns doch teilen, schlägt er vor. Da ich keinerlei Bedürfnis verspüre, mit dem Mann und seinen beiden ausdrucksstarken Argumentationshilfen ein Zimmer zu teilen winke ich mit Verweis auf meine schmale Börse und den noch zurückzulegenden Weg ab und verabschiede mich. Er winkt mir mit seinen Brauen nach.

Doch bald sollte ich sein Leid nachvollziehen können. Während die Sonne immer weiter gen Horizont wandert, winkt jede Herberge an der ich halte entschieden ab. Kein Zimmer frei. Auch wenn ein Schild direkt über der angesprochenen Person anderes verspricht. Kein Zimmer frei. Hätte man reservieren müssen. Das Schild abzunehmen sei zu viel Arbeit. Ohne Internetzugang (siehe letzter Beitrag) habe ich auch keine Möglichkeit abseits der Route zu suchen. So nehme ich mir ein Herz, trete weiter in die Pedale und nutze die 40 Kilometer bis Linz um mir einen guten Namen für den wütenden Radfahrer zu überlegen: Gandalf der Braue? Naja. Big Brow Silver? Schon besser, aber nicht jugendfrei. Heinrich der Brausame? Zu österreichisch. Der mit den Brauen tanzt? Bingo! 

Zufrieden kehre ich in der Jugendherberge von Linz ein. Nicht einmal das Geröchel und Gekeuche meines Zimmernachbarn kann mich nach den ziemlich genau 100 Kilometern vom seligen Schlaf abhalten.

Heimat!

Direkt an der Donau, kurz hinter Passau, passiere ich an einem Treppelweg die Grenze nach Österreich. Passenderweise ist das Schild drauf und dran von einem Baum überwuchert zu werden. Gefreut habe ich mich trotzdem wie ein (Wiener) Schnitzel. Und die alte Heimat spielt gleich alle Trümpfe, um mich gebührend zu empfangen. Das Donautal zählt – alle patriotische Sentimentalitäten beiseite – zu den schönsten Strecken, die ich bisher zurückgelegt habe. Wie auf Kommando reißt jetzt auch die graue Wolkendecke auf, die mich seit Tagen piesakt, und warmes Licht empfängt mich.   Der mächtige Donaustrom füllt beinahe das gesamte Tal. Nur wenige Meter bleiben für den schmalen Radweg, der sich an dem Flussbett entlangschlängelt. Leider können meine bescheidenen Fotografierfähigkeiten nicht die ganze Pracht einfangen.

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Außerdem schlägt mir die Grenzübertretung gleich ein Schnippchen, weswegen dieser Beitrag erst mit einem Tag Verspätung erscheint. Ich habe erstmal kein Internet.

 

 

 

Ja, ich dope

Ich kann dem öffentlichen Druck nicht länger standhalten. Ja, ich dope. Ich bin eben doch ein langweiliges Stadtkind und mein Körper hat schon früh sämtliche Natur als tödliche Gefahr erkannt. Mehr als einmal bin ich röchelnd, schniefend und halb blind aus dem Zelt getorkelt und habe umstehende Kinder beinahe zu Tode erschrocken. „Der große Mann sieht aus wie tot“, wurde mir bereits attestiert. Interessanterweise legen sich sämtliche Symptome nach kurzer Zeit, sobald ich in die Pedale trete. Das hat sich in der Vergangenheit bereits als sehr effektive Motivation herausgestellt. Ausgedehnte Mittagspausen im Biergarten sind einfach nicht drin, wenn dir deine Schleimhäute den Krieg erklären.

Nachdem ich nicht schon wieder einen bilderlosen Artikel veröffentlichen möchte, hier zumindest eines vom Donauradweg.
Nachdem ich nicht schon wieder einen bilderlosen Artikel veröffentlichen möchte, hier zumindest eines vom Donauradweg.

Dementsprechend rigoros gehe ich mittlerweile gegen sämtliche allergische Anzeichen vor. Nebst dem üblichen Tabletten-Sammelsurium, das sich in meiner Tasche drängt, gehören Nasensprays, Augentropfen und selbst Asthmasprays mittlerweile zu meinem Alltag. Das verhindert zwar nicht, dass ich in den schlimmeren Nächten im Zelt teils fünf Packungen Taschentücher vernichte und mit derart roten Augen aufwache, dass zufällig vorbeiziehende Priester mich mit Weihwasser bespritzen und einen Exorzismus durchführen. Aber es hält mich zumindest in den Abendstunden so weit fit, dass ich annähernd so etwas wie ein normales Leben führen.

Die Sonne kommt raus!
Die Sonne kommt raus! (Ja, ein Selfie, dass es so weit noch kommt… Aber man will ja den weiblichen Fans auch etwas bieten)

Fear and Loathing in Regensburg

Mit blutigem Kinn, zerschundenen Knie und einer geprellten Hand komme ich langsam zu mir. Es war kein Stein, kein Ast, keine Unachtsamkeit beim Fahrradfahren, die dazu geführt hat. Meinen – vorerst – einzigen schwereren Sturz auf dieser Reise habe ich auf zwei Beinen fabriziert. Und der Wahrheitspflicht wegen muss ich nun die Erinnerungsfetzen wieder zusammenweben. Meine vollmundige Ankündigung, es nicht zu übertreiben, hallt nun schal in meinen Ohren nach. Das ist wohl herzlich schief gegangen.

Aber beginnen wir am Anfang: Nachdem ich durchweicht und verschlammt um halb neun doch noch Regensburg erreiche, empfängt mich Floyd, ein befreundeter Regensburger Student, in seiner WG. Wenige Minuten später stehe ich unter der Dusche, das Wasser färbt sich langsam schwarz, während meine Haut wieder zum Vorschein kommt. Meine weise Entscheidung, auf Schutzbleche zu verzichten, hat dazu geführt, dass nicht nur meine Kleidung komplett schlammbeschmiert ist, selbst von meinen Schulterblättern bröckelt der Dreck. Nach zehn Minuten unter dem prasseln des warmen Wassers fühle ich mich wieder annähernd menschlich.

Doch Floyd hat es sich offenbar in den Kopf gesetzt, das zu ändern. Wir verlassen die wohlig-warmen vier Wände und ziehen über das gerade stattfindende Bürgerfest Regensburgs. Marschmusik, Menschenmassen, überteuerte Fressbuden. Lange hält es uns nicht, Floyd schleußt uns zuverlässig in seine Stammkneipe, die Musikbar Sax. Ich betone, morgen 80 Kilometer radeln zu müssen. Er solle mich doch bitte bremsen, wenn der Abend ausartet. Er verneint. Kündigt das Gegenteil an. Und holt eine Runde Tequila.

Die Musikbar macht an diesem Abend ihrem Namen alle Ehre. Fröhliche Menschen, die sich gerade um einen durchaus begabten Gitarristen drängen, animieren uns zum mitgrölen. Das Frankenlied, verrät mir Floyd, werde ich hier aber niemandem entlocken können. Denn das Frankenland liegt hinter mir, ich bin jetzt wirklich in Bayern angelangt. Doch als zwischen den üblichen Rockklassikern die Titelmelodie der Zeichentrickserie „Gummibärenbande“ angestimmt wird, fühle ich mich trotzdem heimisch. Als im Anschluss auch noch „Balu und seine Crew“ gesungen wird, fordere ich Floyd freundlich dazu auf, doch in der Mitte den Tanzbären zu mimen. Er kann an Größe, Umfang und Behaarung durchaus mit dem Namensgeber mithalten. Doch er lehnt dankend ab. Mittlerweile ist die kleine Kneipe schon derart überfüllt, dass selbst passionierte Nikotinsüchtige es sich zweimal überlegen, den Gang nach draußen zu wagen. In Bayern wird das Rauchverbot nämlich, ganz im Gegensatz zu Wien, ernst genommen.

Und wer sich doch erfolgreich durch die Menschenmassen geschoben hat, blickt direkt in das finstere Gesicht eines Türstehers. Denn, so erklärt Floyd, in Regensburg wird seit fünf Jahren „fair“ gefeiert. Um die Nachtruhe der in der Innenstadt und an den Partymeilen wohnenden Menschen nicht über Gebühr zu stören, werden die Rauchergruppen – mit durchwachsenem Erfolg – zur Ruhe ermahnt. Wir versteigen uns in eine kurze Diskussion, ob nicht selbst schuld ist, wer sich eine Wohnung über einer Kneipe sucht. Einigen uns aber doch darauf, dass ob der innerstädtischen Diversität eine solche Regelung grundsätzlich gut zuheißen.

Zurück in der Bar schleppt Floyd trotz meiner schwächer werdenden Widerworte eine überschwappendes Stamperl nach dem anderen an. Möglicherweise – die Meinungen gehen hier auseinander – habe auch ich freiwillig das eine oder andere Schnapsglas an unseren Tisch gebracht. Das führte dazu, dass nicht alle meiner Handlungen am späteren Abend ganz durchdacht waren. Nachdem ich mir kurzzeitig von einem anderen Partygast sein rotes Cappy beschafft hatte – er war von hieran als Roter-Cappy-Typ bekannt – und daraufhin von einer Frauenrunde auf dem Weg zur Toilette abgepasst und mit Alkohol ausstaffiert wurde, begann ich an die Wundertätigkeit dieses Kleidungsstück zu glauben. Ich entwickelte ausgefeilte Pläne, was an diesem Abend mit diesem Cappy noch zu erreichen wäre. Gegen mehrere Zigaretten erwarb ich mir die Nutzungsrechte für zehn Minuten und versuchte mein Glück.

Zu meinem großen Unverständnis erwies sich diese Investition als nicht sonderlich ertragreich. Sie sorgte zwar für unterhaltsame – dem Türsteher entschieden zu laute – Diskussionen mit Fremden, aber als mich nach zehn Minuten der Rote-Cappy-Typ wieder ausfindig gemacht hatte, war ich um nichts reicher.

Wir beschlossen zu einer unchristlichen Uhrzeit schlussendlich doch, den Heimweg anzutreten. Ich, mittlerweile ohne einen Gedanken an die Strapazen des morgigen Tages, stellte mich dabei als das Zugpferd unserer kleinen Gemeinschaft heraus. Allerdings besaß ich zu Floyds Leidwesen keine Ortskenntnis, und eine umso höhere Motivation, neue Leute kennenzulernen. Ich muss den armen Bären so lange gereizt haben, bis er sich nicht anders zu helfen wusste, als seine 120 Kilo Kampfgewicht als Waffe einzusetzen, sich auf mich zu stürzen und mit mir zusammen zu Boden zu gehen. Womit wir wieder beim Anfang dieser Geschichte angelangt wären.

Erst gegen Mittag habe ich genug Energie gesammelt, um mich wieder auf das Fahrrad zu schwenken. Ausnahmsweise habe ich beim Frühstück auch nicht nach einer Flasche Jack Daniels Ausschau gehalten. Mir grauste vielmehr vor dem Gedanken, Floyd könnte tatsächlich eine besitzen.

Weiter geht es die Donau entlang in Richtung Passau, wo ich am Montag die Grenze zur alten Heimat endlich übertreten werde. Vielleicht lässt sich zu diesem Anlass auch die Sonne mal wieder blicken.

Schlammverkrustet und durchnässt

Das Schlimmste scheint für heute hinter mir.  30 Kilometer Regen, Feldwege und kalte Winde haben mich und mein treues Gefährt reichlich schlammverkrustet zurückgelassen.  IMG_20150620_133355IMG_20150620_133805

 

Während der Donauradweg bis Nürnberg noch perfekt ausgeschildert und meist auch ausgebaut war, wird es jetzt öfters richtig holprig und die Suche nach dem richtigen Weg fordert selbst den Einheimischen einiges Rätselraten ab. Dafür geht es jetzt unterm Schnitt Bergab, seit ich Mühlhausen passiert habe.

Am liebsten würde ich auf einem der zahlreichen Frachter anheuern, die zwar deutlich langsamer, aber dafür umso müheloser den Kanal gen Regensburg fahren.

Mein einziges Wassergefährt, das mich reichlich schwankend über einen Seitenarm des Kanals brachte, war dieses kleine Floß zum Selberziehen. IMG_20150620_124008_hdr

 

Aber ich bin hoch professionell gegen Wind und Wetter geschützt.

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Das Wetter denkt nicht daran, besser zu werden

Petrus ist kein Freund meiner Reise (Man verzeihe mir den kleinen Lokaljournalistenwitz). Die nächsten Tage dürften nass werden. Nachdem gestern meine Reise im Nieselregen geendet hatte, startete sie heute auf die gleiche Weise. Innerhalb der ersten halben Stunde wuchs sich das beständige Tröpfeln aber zum Sturm aus, weswegen ich gerade Schutz in einer Fabrikhalle suche und darauf hoffe, dass die dunklen Wolken bald weiterziehen. Heute sollte ich zumindest bis Regensburg kommen (knapp 60 Kilometer) um Wien planmäßig Ende der Woche zu erreichen.

Der Franke ist dem Deutschen sein Kurde

 

Meine Tage in Fürth führen mich mitten in das Herz des fränkischen Widerstandes. Wobei diese Geschichte  eigentlich schon in Thüringen beginnt. Und wie alle guten Geschichten, natürlich in einer Gaststätte: Da nur wenige Menschen sich an diesem Tag um den Zapfhahn drängten, kam ich mit der Wirtin schnell ins Gespräch. Auf ihren breiten, wohlklingenden Dialekt angesprochen, verriet sie mir, eigentlich sei sie ja Fränkin, und da wolle sie auch so sprechen. Und obwohl sie Jahrzehntelang vom Rest Frankens getrennt waren, sei sie kurz nach dem Fall der Mauer in Bayern gewesen und daraufhin gleich von einem älteren Franken aufgrund der unverwechselbaren Sprachmelodie als einer der ihren erkannt und herzlichst aufgenommen worden.

Doch meine Reise sollte mich noch tiefer in das Herz Frankens führen. Bis in die kreisfreie Stadt Fürth, wo ich das Vergnügen hatte, einen Tag lang die Gastfreundschaft eines alten Freundes zu genießen. Sofort stimmte er, untermalt durch beständiges Hämmern auf den Tisch, wie es auch in Franken gute Sitte ist, meiner These zu, dass die Franken doch ein ähnliches Schicksal wie die Kurden erleiden. Ein gespaltenes Volk, von allen Seiten unterdrückt und ohne Chance auf eine eigene Zukunft. „Nur, dass unsere Unterdrückung totgeschwiegen wird“, röhrt besagter fränkischer Freund später am Abend mit gelöster Zunge in einer Fürther Kneipe.

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Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich ihn vor Jahren das erste Mal in Nürnberg traf. Mit Wut in den Fingern deutete er auf die Nürnberger Burg.  „Die bayrische Flagge“, beklagte er, „die bayrische Fahne auf unserer Burg!“ Dass das Verhältnis zwischen der bayrischen Großmacht und dem eigensinnigen fränkischen Völkchen im Norden schon länger ein gespanntes ist, darf diese kleine Episode belegen: Um auch noch einen beständigen Finger in die schwärende Wunde der Besetzung ihres Landes zu legen, hatte sich die Münchner CSU-Regierung das Wahrzeichen Nürnbergs vorgenommen, die Nürnberger Kaiserburg. Hoch oben auf dem Turm ließ man 2008 die bayrische Fahne hissen, das hissen der fränkischen hingegen verbot das zuständige CSU-Ministerium. Die Franken sollten doch lieber auf ihr Bayerntum stolz sein, ließ der Minister verlauten, es werde keine Ausnahme von der für alle staatlichen Gebäude verbindlichen Regel gemacht.

Doch nun ist alles anders. Stolz erzählen mir meine Gefährten, dass der Flaggenstreit beigelegt sei, hoch auf der Nürnberger Burg (und höher als die bayrische Flagge) wehe jetzt die fränkische Flagge. Denn während die Burg selbst zwar in bayrischer Hand sei, hat die Stadt die Schirmherrschaft über einige Türme. Auf einem davon hisste man die fränkische Flagge.

Doch offenbar ist die wütende Glut der fränkischen Sache noch nicht in den Herzen aller Bewohner angekommen. Während schon an unserem Tisch einer sich nicht dem Kanon der fränkischen Unterdrückung anschließen wollte, bringt das demonstrative Anstimmen der fränkische Hymne in der Fürther Gustavstraße nicht das gewünschte Ergebnis.
Einsam stimmte einer der Proponenten unserer Runde das „Frankenlied“ an, die heimliche Nationalhymne. Doch der revolutionäre Geist scheint durch das gute fränkische Bier gedämpft zu sein, selbst die inoffizielle letzte Strophe führt nicht dazu, dass die umliegenden Tische mit einstimmen. So tönte seine bierschwangere Stimme also einsam, aber mit klarem Klang:
„O heil’ger Veit von Staffelstein,
beschütze deine Franken
und jag’ die Bayern aus dem Land!
Wir wollen’s ewig danken.
Wir wollen freie Franken sein
und nicht der Bayern Knechte.
O heil’ger Veit von Staffelstein,
wir fordern uns’re Rechte!“

Doch ich persönlich bin von der Vorstellung so beeindruckt, dass ich verspreche, den Mantel des Schweigens über dieses historische Unrecht zu lüften und zumindest die Treuen Leser dieses Blogs darüber zu informieren.

Und schlussendlich noch in eigener Sache: Weiter ging es nach einem tränenreichen Abschied bis nach Beilngries, wo mich kurz vor acht schließlich doch der Regen einholte, vor dem ich so lange geflüchtet bin. Auch für die nächsten Tage ist Regen angesagt. Das kann ja was werden…