„Tiere in Betrieb“

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Dyr-i-Drift – Morten ganz links

Ich kenne jetzt eine dänische Band! Und habe E-Mails mit einem der Musiker ausgetauscht, mit Morten, dem Gitarristen. Die Band heißt „Dyr-i-Drift“, was laut Goggle-Übersetzer „Tiere in Betrieb“ bedeutet, hm. „Dyr-i-Drift“ macht Musik für Kinder, rockige Songs, die alle irgendwie von Tieren handeln. Ich fragte an, ob ich das Lied „Foxy Fox“ benutzen darf, im „Werbevideo“ für meinen Blog. Ja, klar, unbedingt, lautete die Antwort.

Der Macher des „Werbevideos“ ist mein zehnjähriger Neffe.

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Er entdeckte die CD der Dänischen Band in unserem Ferienhaus und schnappte sie sich, um seinen kleinen Film musikalisch zu unterlegen. Er will ihn dann auf YouTube veröffentlichen. Morten von „Dyr-i-Drift“ hat daraufhin im Blog über die „glücklichen Dänen“ gelesen. Er findet ihn lustig. „Ich bin gerade in Berlin,  also, Eure Leute wirken auch ziemlich glücklich“, schrieb er. Wie schön! Und: Danke!

Hier der Link zur Musik der Dänen – macht Spaß!

Foxy Fox

Es muss im Leben mehr als alles geben

Irgendwann kommt der Tag, der räumt Harriet Bank Friis auch noch ihren privaten Wohnraum, um ihn mit tausend schönen Dingen zu füllen, die sie unter die Leute bringen will. Jedenfalls hat sie inzwischen schon die Abstellkammer geopfert, um dort unzählige Schmuck-Blechdosen zu platzieren. Ihr Geschäft könnte unter dem Namen „Es muss im Leben mehr als alles geben“ laufen: Von besonders hübschen Holzspielzeug über dänisches Geschirr und niedlichste Stofftiere bis hin zu seltsamen Figürchen, Leuchtern aller Art und Antiquitäten findet man bei ihr eine scheinbar unendliche Auswahl von dem, was Dänen sich so gern ins Fenster, in Regale und auf Kommoden stellen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAStress schein Harriet Bank Friis nicht zu kennen

Auch Touristen entdecken das Geschäft in Aerösköbing, denn bei gutem Wetter breitet sich die Ware großzügig vor der Tür des Fachwerkhäuschens aus und das überbordende Schaufenster muss einfach neugierig machen. In den vielen winzigen Räumen und den engen Türdurchgängen quetschen sich die Kunden aneinander vorbei, und manchmal kommt Harriet Bank Friis gar nicht damit nach, den schönen Tand dann auch noch schön zu verpacken.

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Selbst bei eher regnerischen Wetter breitet sich die Ware auch vor der Tür aus

Anfangs schienen die Räumlichkeiten unbedingt auszureichen für das, was sie anzubieten hatte. Doch längst ist jeder Türrahmen besetzt, jede Truhenschublade aufgezogen, um dort etwas zu präsentieren, und von der Decke hängt auch so allerlei herab, zum Beispiel große Tret-Autos.

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„Ich kann gar nicht so schnell verkaufen, wie ich Neues einkaufe“, sagt sie. „Es ist meine große Leidenschaft, über Märkte und Messen zu wandern und Nachschub für meinen Laden zu entdecken.“ Man kann sagen, dass sie sich sogar unter den flohmarktversessenen Dänen hervorhebt. „Dabei muss ich mich zwingen, daran zu denken, dass ja beinahe kein Platz mehr da ist.“ Ob sie das wohl schafft? Fast könnte ich wetten, dass sie im nächsten Jahr tatsächlich ihren privaten Rückzugsraum für den Laden geöffnet hat.

Das ist doch kein Hausboot!

Wenn man Alfons ein bisschen ärgern will, braucht man nur zu fragen: „Ah, du lebst auf einem Hausboot?“ Als wenn sein fast 24 Meter langer Schlepper, gebaut im Jahr 1911 und immer noch voll funktionsfähig, ein simples Hausboot wäre! Es ist ein riesiges Stahlschiff, das bis 1990 noch Fährschiffe aus der Lübecker Bucht schleppte.

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Sonja und Alfons Schmidt

Alfons lebt auf diesem Schiff, zusammen mit seiner Frau Sonja. Wenn ich es recht verstanden habe, ist sein Schlepper auch insofern kein „Hausboot“, als es trotz der Ausmaße des Schiffes nicht allzuviel Wohnplatz gibt an Bord. Es ging darum, ob sie in einem Lädchen auf der Ostseeinsel Aerö eine Tasse kaufen würden. „Nee“, meinte Sonja, „bei uns hat keine zusätzliche Tasse mehr Platz.“ Seit über zwanzig Jahren leben die beiden Deutschen auf der „Falke“, die normalerweise in Faaborg vor Anker liegt, wo Alfons, der ursprünglich ein Tischler aus dem Sauerland war, in einer Werft arbeitet.

Wie er es damals schaffte, seine Frau Sonja, die ihre sichere Stelle als Verwaltungsangestellte aufgab, zum Umzug auf das Schiff und nach Dänemark zu bewegen, das ist eine Frage, die nur mit geheimnisvollem Löcheln beantwortet wird. Beide finden die Dänen ganz großartig, und sprechen mehrmals davon, wie hilfsbereit man ihnen entgegenkam, als Alfons Bootsbauer-Aufträge suchte. Nur mit einer Sache fanden sie sich nicht ab: Dass die Dänen eher selten Aufträge vertraglich fixieren oder Rechnungen unterschreiben. „Nur per Handschlag, das reicht mir nicht – da kommt bei mir das Deutsche zu sehr durch,“ sagt er.

Wer suchet, kann links im Bild winzig die Jolle entdecken
Die „Falke“ – und links davon vor der Küste die winzige Jolle mit Sonja und Alfons darinnen

Aus der Ferne sehe ich den Schlepper, und winzig klein eine Jolle, mit der Alfons und Sonja vom Ufer aus zu ihrem Zuhause übersetzen. Bei ihnen kam ich nicht dazu, sie über „glückliche Dänen“ auszufragen. Aber was klar ist: Sie sind glücklich in Dänemark.

Eine mächtige Persönlichkeit

Die Hochzeitsnacht in der Jugendherberge zu verbringen, so hatten es sich die drei betroffenen Paare wohl kaum gedacht. „Wie kann man aber auch bei uns heiraten wollen, ohne vorher ein Zimmer zu buchen?“, fragt Carl Joergen Heide, der mir die Geschichte erzählt.

Er ist unter anderem Leiter der Aerö-Tourist-Information und zuständig für die etwa 2500 ausländischen Hochzeitspaare, die jährlich auf die malerische Insel kommen, um zu heiraten, vor allem Paare mit zwei unterschiedlichen Nationalitäten, da machen die Dänen nämlich keine Probleme. „Die Paare, die in der Jugendherberge schlafen mussten, hatten wohl nicht bedacht, dass sie nicht die Einzigen sind, die diese Möglichkeit nutzen!“

 

Carl Joergen Heide

Wir beide lachen bei der Vorstellung, das zwei Verliebte sich im Jugendherbergs-Etagenbett arrangieren müssen. Carl Joergen Heide lacht überhaupt gern, dieses breite, dänische Lachen, das mir so gefällt. Er ist eine mächtige Persönlichkeit, nicht nur von der Körpergröße her, sondern auch als jemand, der sich für die Geschäftswelt der Insel engagiert, Finanzen für imagefördernde Projekte organisiert und einen wöchtlichen Newsletter über die Insel herausgibt, mit immerhin 1500 regelmäßigen Lesern.

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Das urig-gemütliche Café „Aroma“, seit 17 Jahren Anlaufpunkt im Hafen von Aeroesköebing

Im altmodisch-gemütlichen Hafen-Café „Aroma“, wo sich alle Welt trifft, frage ich ihn, warum wohl die Dänen an Platz eins im Glücks-Ranking steht. Da reagiert er erstaunlich kritisch:

„Wir denken, dass wir es besser getroffen haben als alle anderen“, sagt er. „Und genau das ist das Problem. Unsere Kultur ist uns so viel wert, dass wir eine Mauer um Dänemark ziehen wollen. Bloß kein Einfluss von außen, schon gar nicht durch Flüchtlinge. Das ist beschämend!“

Er findet, dass die Dänen insgesamt ihren Horizont erweitern sollten. Sie sollten Fremde, auch die Flüchtlinge, freundlich und großzügig empfangen, und selbst auch viel mehr in die Fremde gehen. Er selbst hat acht Jahre als Geschäftsmann in Litauen gelebt, eine äußerst bereichende Erfahrung, sagt er. „Wenn wir uns abschotten, weil wir uns selbst genug sind, mögen wir im Moment glücklich sein. Aber in 50 Jahren sind wir abgehängt.“

„Bohemien Food & Art“

Jeder sieht den kleinen alten Campingbus, der am Aero-Inselhafen parkt, irgendwie mitten auf der Straße und umgeben von Campingstühlchen und winzigen Tischen. Magisch zieht er die Passanten an, weil dieses aus der Zeit gefallene Gefährt offensichtlich zu einem Imbiss umfunktioniert wurde, einem wirklich ungewöhnlichem Imbiss.

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„Bohemien Food & Art“ heißt das Minirestaurant, in dessen Innerem Nick Leschly Pedersen Ökogerichte zubereitet und herrliche frisch gepresste Fruchtsäfte. Die junge, wahnsinnsblonde Nete Maj Hoesgaard bedient die Gäste und spielt mit dem zweijährigen Sohn Neo: eine wahre „Bohemien“-Idylle, wie es scheint.

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Nick, Neo und Nete – und ein Fruchtsaftfan

So einfach ist es allerdings nicht. „Ja, mag sein, dass wir Dänen als besonders glücklich gelten“, sagt Nete. „Aber wir stehen auch ganz oben in der Statistik, wenn es um Depressionen geht.“ Man müsse sich mit aller Kraft in der Arbeitswelt behaupten, immer versuchen, sich und sein Können zu beweisen, das könne schon sehr hart sein.

Sowas habe ich bisher erst einmal gehört, nämlich von einer Bäckersfrau, die meinte, es sei sehr schwer, zugleich Mutter und berufstätig zu sein. Alle würden behaupten, die Skandinavier seien Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung, aber in Wirklichkeit sei der Anspruch, beides bitte locker zu bewältigen, umso höher.

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Anders als die meisten jungen dänischen Mütter hat Nete ihren Sohn nicht bereits mit zehn Monaten in einer Kinderkrippe gegeben. Jetzt will sie wieder berufstätig sein. Ihr Gefährte Nick schuftete 80 Stunden die Woche in einer Gastronomie, zu viel! Die beiden kauften den Wohnwagen, den sie gänzlich umbauten und erproben ihr Glück in der Selbständigkeit. Wenn ihre Angebote weiterhin gut ankommen, wwerden sie ein Restaurant eröffnen.
„Was das Glücklichsein betrifft“, sagt Nete, „so wollen wir auf jeden Fall andere Menschen glücklich machen. Unser Campingbus bringt die Leute zum Lächeln, ja, genau das wollten wir!“

„Und sowas soll man essen?“

Dass der Genuss von Süßem Glücksgefühle auslösen kann, weiß man ja. Aber eine Überdosis Salz? Die Dänen jedenfalls scheinen an Salz-Glück zu glauben. Immer, bei allem, was man in Dänemark isst, muss man darauf gefasst sein, dass es entweder sehr süß oder absurd salzig ist. Zum Beispiel Lakritz.

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Gefährlich!

Zugegeben, das Totenkopf-Muster auf diesem Lakritzbonbon hätte man auch als Warnung betrachten können.

Aber dass es so aussieht, wenn ein Nicht-Däne (in diesem Fall mein Bruder) es im Mund hat:

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Einfach nur ein Schock für ihn, diese mit über sieben Prozent Salmiak versehene Salz-Lakritzbombe. „Sowas soll man essen? Das kann doch nicht sein!“

 

Dabei sah die Riesenauswahl an süßen und lakritzigen Dingen im Supermarkt der Aero-Inselstadt Marstal sowas von verlockend aus.

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Und dann, nach weiterem Probieren, einfach nur Fassungslosigkeit!

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Eigentlich wird Lakritz aus der Wurzel der Süßholzpflanze hergestellt. Weil sie damals auf dem Seeweg aus dem Vorderen Orient importiert wurde, sind Lakritzdinge vor allem in Küstengebieten so beliebt.
Auf die Idee, nicht nur Zucker und Gewürze beizumischen, sondern Salz, auch Pfeffer und jede Menge scharfes Salmiak, kamen neben den Niederländern allerdings hauptsächlich die Skandinavier. Die Dänen kennen Lakritzröhrchen, die mit einer Mischung aus Salz und Zucker gefüllt sind, oder Bonbons, aus denen einem plötzlich eine Salzlösung in den Mund fließt.

PS: Gestern wollten wir ungesalzene Butter erstehen. Unmöglich. Sogar sämtliche Margarinesorten waren gesalzen, ebenso wie Butter für Veganer oder Laktose-Vermeider.

Zusammenfindungshelfer

„Zusammenfindungshelfer“, so ungefähr lautet die direkte Übersetzung des dänischen Wortes für „Flaschenöffner“. Werner ist es, der mir das erklärt, als er gerade dabei ist, eine Flasche dänischen „Letoels“ zu öffnen, was eigentlich „Dünnbier“ heißt, aber doch ganz normales Tuborg-Bier ist. „Ja“, sagt er, „Zusammenfindungshelfer – das ist der Weg der Dänen zum Glück!“ Zusammenfinden, die, der oder das „Samfundet“ , also die Gemeinschaft, das Zusammenhalten, das Gefühl dafür, ein zwar kleines Volk zu sein, welches aber seine Stärke daraus gewinnt, sich selbst insgesamt als durchaus groß zu empfinden.

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Werner – Bootsbauer und recht eigentlich Däne

Werner ist kein Däne, sondern einer der etwa 70 gebürtigen Deutschen auf der an die 6000 Bewohner fassenden Ostseeinsel Aerö, ein Bootsbauer, der vor ungefähr 30 Jahren mit seiner Frau Annette, Werftbesitzerin, aus Schleswig-Holstein nach Dänemark kam, um hier ein neues, ein einfacheres Leben zu beginnen. So groß ist er, dass er in seinem eigenen Fachwerkhaus fast nirgendwo stehen kann, ohne den Kopf einziehen zu müssen. Im Hafen von Soeby, einer der drei Städtchen der Insel, liegt seine ABC-Flotte selbstgebauter Boote, die er an Segeltouristen verleiht.

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So sehen die Leih-Boote die ABC-Werft aus

Mit seinen 67 Jahren fährt er oft als Skipper mit und stellt dann die Bedingung, dass er von den Mitseglern einigermaßen ordentlich bekocht wird. Ansonsten arbeitet er von früh bis spät in seiner Werft. Leute wie mich, wie drei Wochen Ferien machen und ansonsten einen großen Teil ihrer Zeit am Schreibtisch verbringen, sie scheinen ihm ein Rätsel zu sein. Er ist freundlich zu mir, aber wirklich ernst nehmen tut er mich nicht: „Das nennst du Beruf, das nennst du arbeiten?“ Für ihn zählt das Handfeste, Tätigkeiten, bei denen etwas Konkretes, direkt Brauchbares herauskommt. Mit Menschen zu reden und dann aufzuschreiben, was sie geredet haben, nun ja…

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Werner ist echt riesig

Ich aber bewundere ihn. Er war einst Schlosser, hat sich autodidaktisch zum Bootsbauer entwickelt und bereichert die Insel mit seinen die Touristen anlockenden blau-weißen Segelbooten, und mit Ferienhäuschen, niedliche Fachwerkhäuser, die einst halbe Ruinen waren und die er zu kleinen Schmuckstücken renovierte. Der Fähren-Matrose Jens-Peter, den ich zusammen mit meiner Schwester im Supermarkt traf, er würde in Bezug auf Werner sofort ein paar der deutschen Sätze, die er kennt, aussprechen: „Ohne Fleiß kein Preis!“ und: „Ordnung muss sein!“
Werner würde nicken und sagen: „Tja, die Deutschen und die Dänen!“ Was nicht heißt, dass er seine Wahlheimat Dänemark nicht liebt, im Gegenteil. „Ich habe es schon so lange darauf gewartet, dass Dänemark endlich die doppelte Staatsbürgerschaft anbietet“, sagt er. Seit dem letzten Jahr kann man als Deutscher auch gleichzeitig die dänische Staatsbürgerschaft erwerben, mit einem Test, der dem deutschen Einbürgerungs-Test vergleichbar ist und für den er mit seiner Frau Annette schon gut geübt hat.

Oftmals regt er sich über die bauernschlaue Sturköpfigkeit dänischer Insel-Politiker und Geschäftsleute auf, und ist doch selbst nicht weniger sturköpfig. Und die Bauernschlauheit, die er den Dänen zuspricht, sie imponiert ihm und ist ihm selbst keineswegs fremd. Wenn ich nicht wüsste, dass er Deutscher ist, ich hätte ihn unbedingt für einen Dänen gehalten, nicht nur seiner wasserblauen Augen wegen. Er kann gut herumbollern, ja, aber im Grunde sieht er das Leben mit Gelassenheit und sehr sympathischer Selbstironie.

„Das soll Arbeit sein?“, sagt er zu mir, als ich mit ihm spreche. Und freut sich doch – so kommt es mir jedenfalls vor – dass er als Halbdäne Aufnahme in meinem Blog findet. Na, ich hoffe, dass er auch – oder gerade – nachdem er diesen Beitrag gelesen hat, den „Zusammenfindungshelfer“ zückt und damit gemeinsam zu trinkende Bierflaschen öffnet.

Südsee-Rosen

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Stockrosen auf Aerö

Auch in Rinteln wachsen Stockrosen, meterhoch und mit großen, zarten, bunten Blüten, unter anderem an der Südseite der Nikolaikirche. Ich bilde mir ein, dass ich es bin, die dort für ihre hübsche Präsenz sorgte. Jedenfalls habe ich in den letzten Jahren immer wieder an verschiedenen Stellen die Samen verstreut, welche Stockrosen so großzügig produzieren. Und meine Samen stammten aus Dänemark, von der Ostsee-Insel Aerö, auf der es kaum ein Haus gibt, vor dem nicht die prächtigen Stockrosen stehen.

 

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Sie gedeihen hier gut, und wer weiß, ob sie nicht zumindest auf den Dörfern und den drei Städtchen der Insel mit dafür sorgen, dass man die Dänen für das glücklichste Volk der Erde hält. Man muss einfach lächeln und „ach, wie wunderschön“ sagen, wenn man sie sieht.

Nahe dem Dorf Skovby, am Rande von Bregninge, kommt einem, wenn man auf einer Nebenstraße entlanggeht, ein ganz verführerischer Duft in die Nase. Von der nahen Kuhweide kann er kaum stammen, nein, dort gibt es den „Rosenpark“. Sonja und Carsten Jespersen haben dort an die 200 Rosensorten angepflanzt, in unglaublich leuchtenden Farben und mit umwerfenden Düften, ein ganzes, großes Feld voller Rosen. Ich jedenfalls habe sowas noch nie zuvor gesehen.

 

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Die halbe Insel versorgt sich dort mit ihren Rosenstöcken. Man wandert in diesem Rosenparadies herum, staunt über Schönheiten namens „Astrid Lindgren“, „Aphrodite“ oder „Christian IV“, zieht den Duft direkt von den Blüten in die Nase und entscheidet, welche der Rosen man sich im Herbst zum Einpflanzen liefern lassen wird. Das trägt man in eine Liste ein, mal wieder, ohne dass die Besitzer selbst anwesend wären – das Geld für die zu verkaufenden Rosenkataloge holen sie jeden Abend ab.

Wie eindrucksvoll solche Rosenstöcke dann heranwachsen, sieht man an diesem Beispiel.

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Solche Rosen kann ich nicht leichthin nach Deutschland exportieren. Aber eins ist klar: Mit einem guten Vorrat an Stockrosensamen kehre ich auf jeden Fall zurück, um ein bisschen Dänenglück auszuführen.

Dänen stehlen nicht

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Das Honighaus – lauter unbewachte Honigschätze

Die Dänen müssen ein Urvertrauen in das Gutes des Menschen haben. Wie sonst könnten sie die unterschiedlichsten Waren in unbewachten Straßenständen präsentieren, inklusive der Kasse, die oft nur aus einem Glas mit Schraubdeckel oder einem Kästchen besteht, das man einfach aufklappen kann und darinnen liegen Münzen und Scheine. Ob Marmelade oder Gemüse, ob Eier, Blumen oder Trödelgegenstände – ganz selbstverständlich geht man davon aus, dass jeder die Objekte seines Begehrens anständig bezahlt und dass die Einnahmen ganz gewiss nicht geklaut werden.

Ein besonders bewundernswertes Beispiel ist das „Honighaus“ am Straßenrand in der Nähe des Dorfes Bregnigne. Dieser dänisch-rot gestrichene Holzpavillon ist angefüllt mit Honigschätzen, angefangen bei unzähligen Honigläsern voller unterschiedlicher Inselhonig-Sorten, über Honigseife und -salben bis hin zu feinen Likören und auch ungeheuer leckeren Bioeiern.

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Auch Ingwerhonig gibt es im „Honighaus“

Die Tür steht offen, jeder kann ins Honighaus reingehen und auswählen. Das zu zahlende Geld wirft man in einen Briefkasten, der außen angebracht ist. Sogar ein gefüllter Kühlschrank steht im Honighaus. Bewacher oder Besitzer sind nicht zu entdecken.

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In diesen Briefkasten kommt das Geld für Honig, Eier und Liköre

Meine Schwester Franziska bietet selbstgemachte Marmelade an vor ihrer Bildweberei-Werkstatt, ebenso wie ihre Freundin Anette das im Hafen vom Städtchen Soeby tut. Bei meiner Schwester hat noch nie jemand was geklaut, Anette kann erzählen, dass bei ihr vor Jahren mal vier Gläser Marmelade unbezahlt verschwanden. Sie ist sich sicher: Das können nur Touristen gewesen sein.

Man stelle sich vor, es wäre in meiner Heimatstadt Rinteln oder sonstwo in Deutschland der Fall, dass das Vertrauen in die Mitmenschen so dauerhaft belohnt wird. Auch Franziskas Marmeladenkasse ist offen, ebenso wie übrigens immer ihre Haustür. „Das ist ‚Samfundet’, die Gemeinschaft, der Zusammenhalt“, sagt sie. „Niemals würde ein Däne dem anderen hier was klauen.“ Und die Touristen? 99 Prozent von ihnen lassen sich von diesem vertrauensvollen Verhalten anstecken. Kommt nach Dänemark – das macht Euch und die ganze Welt glücklicher!

Ein Ablenkungs-Künstler

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Potentieller Nesträuber

Vor ein paar Tagen schrieb ich über ein höchst verletzliches Natur-Kunstwerk, über das aus drei kleinen, gepunkteten Eiern bestehende Gelege eines Kiebitz-Paares (ich glaube, dass es ein Kiebitze sind), das mitten zwischen den Steinen meiner Aerö-Steilküste für aufmerksame Augen zu finden ist. Nackt und bloß liegen die drei Eier da, umringt von sorgfältigst angeordneten Muschelbruchstückchen. Menschen könnten drauftreten, räuberische Möwen die Eier rauben. Aber als ich mich heute auf die Suche nach dem Gelege begab, war es weiterhin unversehrt, und ich begriff auch, warum:

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Das gefährdete Gelege am Steinstrand

Sobald ich mich in der Nähe des Nestes befand, wurde ich auf ein jämmerliches Gepiepse aufmerksam. Ich konnte gar nicht anders, als den Verursacher mit den Augen zu suchen, und tatsächlich war da ein Vögelein, was sich augenscheinlich in Not befand. Es hupfte über die Steine, schien zu stolpern und verletzt zu sein, und ließ mal den rechten, mal den linken Flügel hängen. Aus vorherigen Jahren kannte ich diesen Trick schon, ich wusste also, dass ich dem Gelege nahe gekommen war, aber trotzdem folgte ich wie magisch angezogen dem spektakelnden Vogel.

Immer, wenn ich ihn fast erreicht hatte, gewann er neue Kräfte, flatterte auf, um ein paar Meter weiter wieder scheinbar ungeheuer geschwächt zu Boden zu sinken. So also lockt er mögliche Feinde weiter und weiter von dem Gelege fort.
Ich aber kehrte langsam zurück, ließ mich auf einem Stein nahe dem Gelege nieder, bewegungslos. Der Kiebitz kehrte zurück, und wirklich, er erkannte mich nicht, sondern ließ sich schließlich brütend auf die Eiern nieder. Ich wagte es, unendlich langsam meine Kamera zu zücken. In der Sonne konnte ich auf dem Display fast nichts sehen, und sowieso hätte ich meine Brille gebraucht, die hervorzuholen den Vogel sicher verschreckt hätte. So entstand dieses „Suchbild mit Vogel“. Ein Tipp: Man suche am rechten Rand in der Mitte.

Rechts am Rand sitzt der Vogel auf seinem Nest

Ganz rechts in der Mitte hockt der brütende Vogel

Mit glücklichen Dänen hat dieser Beitrag wenig zu tun. Höchstens mit mir, glücklich in Dänemark. Und mit einem dänischen Vogel, der bisher Glück hatte. (Ich hoffe, dass ich bei meinen Spaziergängen um die Steilküste niemals auf geraubte oder zertretene Eier treffen werde!)