Einladung ins Schlaraffenland

Und Fisch

Geradezu sagenhaft sind die Erzählungen über eine dänische Art festlich zu essen, die man „Anretning“ nennt. „Anretning“ heißt eigentlich nur „Angerichtetes“, oder „Zubereitetes“. Im Wörterbuch ist auch von „kalter Platte“ die Rede. Aber was Werner und Annette uns erzählen, hat mit „kalt“ und „Platte“ nur begrenzt zu tun. Zu einem „Anretning“ eingeladen zu werden, das scheint Ähnlichkeit mit einer Einladung ins Schlaraffenland zu haben. Ich als Dänemark-Touristin werde das wohl niemals wirklich überprüfen können. Werner und Annette aber leben schon seit Ewigkeiten auf Aerö, und ab und zu wurde ihnen die Ehre eines „Anretning“ zuteil.

Und Roastbeef

Wenn ich es richtig verstanden habe, besteht ein „Anretning“ aus ungefähr zehn Gängen, die einen Querschnitt durch die üppige dänische Küche bilden, angefangen bei köstlichst eingelegtem Fisch rund um Hering, Lachs und Aal, gefolgt von Roastbeef und Sauerfleich, und wieder gefolgt von einem warmen Fischgericht, auf Aerö vorzugsweise Scholle (die gibt es hier massenweise zu fangen, so viel, dass in Werners Tiefkühltruhe rund 400 Stück lagern). Nach dem Fisch kommt eine deftige Suppe aus getrockneten Erbsen, „und dann“, sagt Werner, „spätestens dann erstmal ein Riga Balsam.“

Er glaubt, wir wüssten, was Riga Balsam ist, Irrtum. Wer käme denn auf die Idee, zwischen den Gängen eines Menüs einen 45-prozentigen Likör aus Lindenblüten und Baldrian, aus Wermut, Eichenrinde, schwarzem Pfeffer und neunzehn weiteren Zutaten runterzukippen. „Das fördert die Verdauung“, meint Annette. Ach so, na klar. Muss wohl auch sein, denn das „Anretning“ geht weiter mit Schweinebauch samt Kartoffeln, mit Leberpastete, gekochtem Speck, mit Nudelsalat, Frikadellen und Braten.

Und Kuchen

Wenn man beim Zuhören anfangs selbst Hunger bekommt, überwältigt einen schon wenig später ein Sättigungsgefühl, als hätte man persönlich an der Tafel gesessen. „Na ja“, so Werner, „man darf natürlich nicht so zufassen, als wenn es nur ein Gericht gäbe. Und wie gesagt – ohne Riga Balsam kommt man nicht weit!“ Denn das „Anretning“ ist erst dann zuende, wenn verschiedene Kuchen gereicht wurden, dazu Nachspeise wie die rote Grütze (natürlich mit Schlagsahne) und wahlweise auch noch Käse.

„Wenn es Anretning gibt, ist der ganze Abend ausgebucht“, meint Werner. Und Annette: „Die Nacht dann auch noch.“ Wegen der schweren Verdauungsarbeit einerseits, aber nicht zuletzt auch deshalb, weil literweise Kaffee getrunken wird, des Dänen Lieblingsgetränk zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Ich wäre echt gern mal bei so einem Essen dabei, trotz der Gefahren, die auf einen lauern. Werner und Annette aber behaupten, sowas müsse unbedingt privat sein, weil die meisten Restaurants heutzutage nicht mehr so richtig mithalten wollen bei einem Zehn-Gänge-Gelage. Tja, dann wird es wohl nichts. Vielleicht doch besser so?

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