Todesangst im Tunnel

Ich habe mich verfahren. Schon vor Creutzburg bin ich – zu stolz, stur und dumm um mir meinen Fehler einzugestehen – Kilometerweit auf der falschen Seite der Werra über Feldwege gekurvt. Aber zumindest war die Werra stets neben mir. Hinter Creutzburg verliere ich das vertraut dahinplätschernde Flüsslein – die Weser ist dagegen ein reißender Strom – aus den Augen.

Noch – ich betone Noch – kein Grund zur Panik. Nach einigen Minuten hatte ich mich soweit in den zahnlos-dahingeflatschten Dialekt eines radelnden Rentners hineingehört, dass ich glaubte, seinen Wegangaben folgen zu können. Links und dann rechts, immer dem Feldweg nach und dann der Straße bis Hörschel folgen. Klingt einfach. Doch eine wichtige Information blieb in der Sprachbarriere hängen: Dazwischen liegt der schwach beleuchtete Schlund des Hörschel-Tunnels, durch den eine vergleichsweise stark befahrene Landesstraße führt.

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Jetzt bekam ich langsam Angst. Schon unter normalen Umständen ist eine beidseitig befahrene Landesstraße eine hacklige Angelegenheit. Nur wenige Autofahrer nehmen sich die Zeit, auf eine Lücke im Verkehr zu warten, um einen Radfahrer zu überholen. Viele rasen nur einige Handbreit an mir vorbei. Bei der Vorstellung den Fahrtwind vorbeidonnernder Lkw im dunklen Tunnel im Nacken zu spüren, begannen meine Hände schon auf den letzten Metern vor dem lichtverschlingenden Eingang zu schwitzen. Auf einer kleinen Rettungsinsel direkt vor dem Eingang halte ich an, um meine Optionen zu durchdenken. Umkehren ist unmöglich. Die Landesstraße bei beidseitigem Verkehr vor dem Tunneleingang zu kreuzen wäre lebensgefährlich. Ich liebäugle kurz mit dem Notruf-Telefon, um eine sofortige Hubschrauber-Evakuation anzufordern, verwerfe aber auch diese Eingebung. Bleibt also nur die Flucht nach vorne: Der schmale Rettungsweg an der Seite des Tunnels scheint mir die lebensbejahendste Option.

Nachdem ich mir sicherheitshalber noch meine Lampen mit Gaffaband am Gepäckträger befestigte, beginne ich in einem ruhigen Moment den Einstieg in den Tunnel. Zum Glück ist der Weg breit genug, um Platz für mein Fahrrad zu bieten. Die ersten Autos brausen hinter mir heran. Die Nervosität lässt selbst den Fahrtwind eines Kleinwagens zum Orkan anschwellen. Ein besonders mitfühlender Autofahrer hupt mir aufmunternd zu. Hier brauchte meine Nervosität nicht mehr an der Lautstärke zu drehen, das Gejaule ist im engen Tunnel ohrenbetäubend genug. Ich ziehe den Kopf ein, schiebe gleichmäßig und Meter für Meter erscheint nach schier endloser Zeit das – mir als Wortbild von nun an sehr kraftvoll erscheinende – Licht am Ende des Tunnels. In der Rettungsbucht am andere Ende setze ich mich klatschnass hin.

Der Rest des Tages erscheint im Rückblick ereignisarm. Pedantisch darauf bedacht, mich nur noch auf reinen Radwegen fortzubewegen und im Zweifel lieber den Feldweg statt der Landesstraße wählend, erreiche ich gegen 21.30 Uhr den Campingplatz in Heringen. Erschöpft falle ich nach Errichten meines Zeltes in einen unruhigen Schlaf.

Erste Frustration

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Jetzt wird erstmal heftig geradelt. Graue Nebelschwaden, tiefe Wolken, kaum Sonne – ein Wetter passend zu meiner Stimmung. Langsam schlägt  das ständige Radeln aufs Gemüt.

Noch lässt sich Frustration in Energie umwandeln, die Reise geht flott, aber die Pausen am Wegesrand nehmen zu. Und auch deren Dauer steigt von einer auf zwei Zigarettenlängen an. IMG_0035Aus Langeweile beginne ich zu testen, wie lange ich am Stück fahren kann, ohne den Lenker zu berühren. Und als auch das langweilig wird, versuche ich parallel Fotos wie das obige zu schießen. IMG_0140

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Die vielen Pausen und das ritualisierte Verbrennen fast einer ganzen Packung Zigaretten (nur um eine Ausrede zu haben noch etwas länger stehen zu durfen) fordern ihren Tribut. Erst um kurz vor 22 Uhr  treffe ich bei einem weitgehend verlassenen Campingplatz in Creutzburg ein.

Drei verlorene Campingwagen, die sich neben den Toilettencontainern zusammendrangten. Ein weiteres Zelt. Keine Mitarbeiter in Sicht. In etwa 10 Meter Entfernung zum Rest treibe ich mühsam meine Heringe in den Boden, Puste die Isomatte auf, rolle mich in den Schlafsack und will totmüde die Augen schließen. Und merke im ersten Moment der Ruhe ein kurzes Pfeifen. Gefolgt von einem langgezogenen ratterndes Stöhnen. Wieder ein Pfeifen. Wieder ein Stöhnen.IMG_0119

Ich hatte mir auf einem leeren Campingplatz die Nachbarschaft des brutalsten Schnarchers des gesamten Werratals ausgesucht. Und er schien es sich in den Kopf gesetzt zu haben, heute noch ganze Urwälder abzuholzen. Es war – auch aufgrund der frostigen Temperaturen – keine sehr erholsame Nacht.  IMG_0118

Salz stinkt nicht

Bad Sooden/Allendorf steht seit mehr als 1000 Jahren ganz im Zeichen des Salzes. Noch heute – die Salzgewinnung ist schon lange abgewandert – vermarktet die Stadt ihre Geschichte touristisch. So lernte ich auch, dass man unter „Siedekot“ keinen – nunja – siedenden Haufen Kot versteht, sondern eine große Pfanne zur Salzgewinnung meint. Noch größer und eindrucksvoller war dann das ortseigene Gradierwerk.

IMG_20150608_115540_hdrNaiv wie ich bin dachte ich bei der vielleicht 50 Meter langen, 12 Meter hohen und mit zwei Wachtürmen versehenen Mauer an einen Nachbau der innerdeutschen Grenze. Tatsächlich ist das Gradierwerk ein weiteres Bauwerk, das ursprünglich zur Salzgewinnung und heute zu Kurzwecken eingesetzt wird. Salzhaltiges Wasser wird nach oben gepumpt und tropft dann zurück durch zahllose Reisigbündel nach unten, wobei das Wasser verdunstet.

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Angeblich mit positiver Auswirkung auf Allergiker. Bei meinem kurzen Aufenthalt konnte ich aber keine Auswirkungen auf meine leidgeplagten Schleimhäute spüren. Doch dazu mehr in Kürze.

Ich habe mich verliebt

Und zwar in Erika. Nach nur einer gemeinsamen Nacht hat es sofort gefunkt. Ihre Vorzüge sind eindeutig: Sie ist billig – nur 35 Euro für die  ganze Nacht. Sie richtet mir am Morgen kostenfrei ein Frühstücksbuffet her. Zu diesem Frühstücksbuffet gehört nicht nur das übliche Allerlei, sondern auch Bier und – hier habe ich mein Herz verloren – eine Flasche Jack Daniels. Nicht immer ist der Morgen nach einem One-Night-Stand angenehm, aber bei Erika überkommen mich auch einen Tag danach noch wohlige Schauer.

Achja, Erika gehört der vietnamesischen Familie Nguyen. Herr Nguyen spricht ein wunderbar falschakzentuirtes Deutsch, wie es ein borderline-rassistischer Film aus den fünfziger Jahren nicht besser hätte erfinden können. Aber meine Erika ist trotzdem ein stolzes, deutsches Mädel. Sie ist sauber und gepflegt, nicht zuletzt dank Herr Nguyen, und trotzdem genau im richtigen Maße versaut, sodass sie ihren eigenen Charakter behält. Und für ihr Alter sieht Erika auch noch ganz flott aus.

haus_frontWeitere charmante Eigenschaften von Erika: Es gibt keine Minibar, dafür im Stiegenhaus einige selbstbedienungs-Kisten Bier und Wasser für je 1 Euro. Die Hinweise zur Tresorbenutzung könnte man in einer thailändischen Backpacker-Absteige nicht schöner Formulieren.:

Wer findet den Fehler.
Wer findet den Fehler?

Aber mal ganz im Ernst. Haus Erika gehört definitiv zu den sympathischsten Herbergen die ich bisher bewohnt habe. Wen es einmal in die Nähe verschlägt, der sollte vorbei schauen. Mit 35 Euro ist es wirklich günstig.

 

Neues Leben in alten Häusern

Nach einer erholsamen Nacht in Bad Karlshafen muss ich mich schon bald von der Weser trennen. In Hann. Münden wechsle ich auf die Werra, deren Lauf ich die kommenden Tage folgen werde. In der schönen Fachwerk-Altstadt angekommen, sieht man die gleichen Probleme, wie ich sie aus Rinteln kenne.  Wunderschöne Häuser, einst der ganze Stolz ihrer Besitzer, modern langsam vor sich hin. Die Farbe blättert ab, Schaufenster sind leer und Türen verriegelt. Leerstand.

Doch offenbar will man das hier nicht hinnehmen. Vor mehreren Häusern mahnen Blumentöpfe den Verfall an.

Blumentöpfe gegen den Leerstand.
Blumentöpfe gegen den Leerstand.

„Mein Eigentümer lässt mich verkommen“, verkünden sie. „Dieses Haus stirbt.“ „Leere Häuser sprechen Bände.“ Doch das will der unbekannte Protestpflanzer nicht hinnehmen. Dem Hinweis auf ein Haus in der Speckstraße 7 folge ich neugierig. Dort treffe ich etwa 20 Menschen, die gerade die Überreste des gerade zu Ende gegangenen Tages der offenen Tür beseitigen. Sie sind Mitglieder einer 250-köpfigen Bürgergenossenschaft, die um 20.000 Euro das nach einem Brand aufgegebene und dem Verfall ausgesetzte Fachwerkhaus gekauft haben. Und nun das um 1600 errichtete Haus mit der ehrenamtlichen Hilfe von Architekten, Bauingenieuren und Handwerkern komplett entkernt, saniert und wieder bewohnbar gemacht haben.

Die Früchte von zwei Jahren Arbeit können sie nun ernten. Obwohl noch nicht alle Arbeiten vollendet sind, sind bereits alle vier neu entstandenen Wohnungen vermietet. „Wir konnten nicht zusehen, wie die Stadt verfällt“, sagt Ursel Morell, eines der Mitglieder der Initiative. „Und wir hätten die Wohnungen zehnmal vermieten konnen“, meint sie, so groß sei der Andrang gewesen.

Die Häuser, vor deren Tore ich die Blumenkübel entdeckte, gehören einem auswärtigen Investor, erklärt sie. Und allein daran wie sie das Wort ausspricht merkt man schon ihre Verachtung. „Er hat vor einigen Jahren 13 Häuser gekauft, und jetzt verfallen sie.“ Zumindest die Speckstraß 7 konnten die Genossenschaft retten. Aber jetzt wolle man sich nach dem Kraftakt erstmal ausruhen, und nicht gleich das nächste Haus kaufen.

Der Sonnenanbeter

Eine ätzende Brühe aus Schweiß und Sonnencreme fließt mir in den Augen. Der an meinem zweiten Reisetag gekaufte Tachometer zieht auf seinem unerbittlichen Weg nach oben gerade an den 38 Grad vorbei. Mein Hintern jault bei jeder Unebenheit, die Knie brennen ob der ungewohnten Belastung und ich wünsche mir nichts sehnlicher als etwas Schatten. Und plötzlich sehe ich kurz hinter Höxter einen Mann. Schütteres Haar, rote Haut, nur mit einem perlenbesetzten Lendenschurz bekleidet.

Einige Kilometer hinter Höxter genießt Stephan die Sonne.
Einige Kilometer hinter Höxter genießt Stephan die Sonne.

Er hat eine Hängematte aufgespannt und liegt zufrieden in der prallen Sonne. Wir grüßen uns freundlich, ich halte im Schatten an und wir kommen ins Gespräch. Ja, er ist ein großer Freund meines heutigen Feindes, der Sonne. „Seit den ersten Sonnenstrahlen im März bin ich oberkörperfrei“, erzählt Stephan sichtlich vergnügt über meinen ungläubigen Gesichtsausdruck. Und nicht nur das. Ich frage ihn nach der angebrochenen Flasche Sonnenblumenöl neben seiner Hängematte. Er antwortet, die habe er für sein Fahrrad gekauft, die Kette musste geschmiert werden. So weit so gut. Aber er setzt fort, und meine Augen werden größer: „Und was gut für mein Rad ist, ist auch gut für meine Haut.“ Ja. Er reibt sich tatsächlich mit Sonnenblumenöl ein. Oder Vaseline. Hauptsächlich fetthaltig muss es sein, findet Stephan.  Mein zaghaftes Nachfragen bezüglich Sonnenbrand, Schmerzen und Hautkrebs wischt er beiseite. Sonnenbrand bekomme er nicht (sagt er, und steht knallrot vor mir), nur auf der Nase.

Während unseres Gesprächs liegt Stephan weiter in der Sonne.
Während unseres Gesprächs liegt Stephan weiter in der Sonne.

Dort aber teilweise so schlimm, dass sich die Haut zur Gänze löst. Weswegen er gestern einen Gesichtsschleier getragen habe. Er zeigt mir Fotos auf seinem Smartphone, Dutzende, wenn nicht Hunderte Selfies von ihm in Hannover. Er ist ähnlich ausgefallen gekleidet wie heute, nur etwas orientalischer. Jeden Tag überlegt er sich ein neues Outfit, erzählt er. Es ist seine Art, gegen die Eintönigkeit der Welt zu protestieren. Die ihn besonders bedrückt, nachdem er die Hälfte seines bisherigen Lebens damit verbracht hat, sie zu bereisen. 28 Länder, erzählt Stephan, habe er besucht.  Und zwar mit dem Rad. 400.000 Kilometer, vielleicht auch 500.000, habe er zurückgelegt. Irgendwann verlor er den Überblick. Nachdem er mit 24 Jahren von Zuhause ausgerissen ist und nach Chile übergesetzt ist, versuchte er, alles zu sehen, was die Welt zu bieten hat.

Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. In einem kleinen Video kann Stephan dann selbst erzählen, wie es dazu kam. Zumindest sobald ich eine Möglichkeit gefunden habe, es datentariffreundlich zu konvertieren und hochzuladen. Für mich ging es nach dem etwa zweistündigen netten Gespräch weiter Richtung Bad Karlshafen.

Die erste Nacht ist kalt

Okay, das hatte ich unterschätzt. Ich hatte echt nicht erwartet, dass es so kalt wird. Kurz vor Mitternacht beginne ich mir mit klammen Fingern Kleidungsstücke in den Schlafsack zu stopfen. Das wirkt, allerdings lässt sich nicht verhindern, dass mein Kopf oben rausschaut. Und friert. So komme ich zwar kaum zur Ruhe, aber immerhin ist es ab sieben Uhr hell und warm genug, dass ich aus meinem Kokon schlüpfen kann.

Blick aus dem Zelt direkt auf die langsam vorbeiziehende Weser

Nachdem ich mich aus dem Schlafsack gemümmelt haben weiß ich wieder, wieso ich mein Zelt hier nach einer recht ereignislosen Reise nach Holzminden aufgeschlagen habe. Friedlich zieht die Weser nur wenige Meter von meinen Füßen entfernt vorbei. So steht man doch gerne auf.